Zehn Songs, die euch deprimieren werden

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Nehmt euch eine Flasche starken Rotwein, selbstgedrehte Zigaretten und, wenn ihr drauf steht, ein paar Valium. Legt euch aufs Bett, verhängt eure Lampen und legt diese Songs auf.

Ich weiß, dass draußen die Sonne scheint, dass endlich wieder WM ist und dass die Mädchen in kurzen Röcken durch die Innenstädte tanzen, aber was wäre ein passenderer Einstand als eine Auflistung von wirklich traurigen, elendigen Songs über gebrochene Herzen als Antithese zur schönen Welt draußen?

10. Wheatus – Hometown

Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Wheatus mehr sind als nur „Teenage Dirtbag“. Auf ihrem selbstproduzierten Album „Too Soon Monsoon“ findet sich Brendan B. Browns Erinnerung an 9/11. Ohne überflüssigen Pathos erzählt, werden fast schon zärtliche Bilder des World Trade Centers gezeichnet. Die unwiderstehlichen Melodien von Wheatus finden sich auch hier wieder, das Thema wird würdevoll und unpatriotisch behandelt.

9. Fleetwood Mac – Man Of The World

„Man Of The World“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich selbst weismachen will, dass er mit seinem Leben zufrieden ist. Er ist viel rumgekommen, hat viele hübsche Mädchen gesehen. Aber es dauert bis zum Schluss des (viel zu kurzen) Songs, bis er zugibt, dass er eigentlich nur eines will – Liebe. Herzzereißend, das Ganze. Peter Greens unaufgeregter Blues verleiht dem Song eine Leichtigkeit, die den Lyrics etwas entgegenspricht, so aber auch einen Funken Hoffnung aufkommen lässt.

8. Alice In Chains – Down In A Hole

Selten hat es eine vom Gesamtkonzept her deprimierendere Band gegeben als Alice In Chains. Die Texte handeln von Drogen und vom Tod, die Musik ist hart und verzweifelt. „Down In A Hole“ macht da keine Ausnahme. Der hypnotische Gesang und der schleppende Beat lassen ein wirklich trübes Bild aufkommen. „I’d like to fly / But my wings have been so denied“ – das hat das Gefühl der Generation X wohl ziemlich genau getroffen.

7. The Velvet Underground – Pale Blue Eyes

Es gab mal eine Zeit, in der Musik nicht perfekt sein musste und profitabel. Eine Zeit, in der man sich auf einer Platte noch so ein bißchen verspielen konnte (die Geschichte zur Orgel auf „Like A Rolling Stone“ ist echt interessant) und in der auch der Sänge die Töne nicht auf den Punkt treffen musste, weil Musik nicht perfekt sein musste. Auch wenn Autotune auch das Tönetreffen heute überflüssig macht. Das war noch eine Zeit. Ich kenne diese Zeit nicht. Meine Jugend wurde dominiert von den Backstreetboys und den Spicegirls und Boyzone und noch ein paar Boys und Girls. Aber es gab mal Velvet Underground. „Pale Blue Eyes“ ist allein deshalb schon deprimierend, weil es an eine Zeit erinnert, die so wohl vorbei ist.

6. Metallica – One

Das wohl großartigste Lied überhaupt. Inspiriert vom Film „Johnny Got His Gun“ erzählt Hetfield die Geschichte des 17jährigen Johnny, der in den Ersten Weltkrieg zieht, weil er unbedingt mal eine Waffe haben wollte. Er endet im Lazarett, ohne Arme, ohne Beine, blind, taub, stumm. Der Song ist eine Tour de Force, die von blanker Verzweiflung zu nacktem Terror führt und sich in ein musikalisch bombastisches Finale steigert. Die Story lässt einen schaudern.

5. Don Henley – Boys Of Summer

Dass man erst mit einer Band und dann noch solo mit Popmusik riesige Erfolge feiern und troztdem künstlerisch integer bleiben kann, beweist Don Henley. Auch wenn „Boys Of Summer“ ein Song ist, den sogar SWR3 spielt, weil er gut ins Ohr geht, ist er doch mehr als nur drei Minuten Mainstreamradiogedudel. Und eigentlich eine ziemlich traurige Sache. Das Mädchen wie eine Erscheinung, unerreichbar, verloren, aber er schwört ihr, da zu sein, wenn die Sommerromanzen ein Ende finden. Was sie wohl nicht tun. Herzzereißend.

4. Pearl Jam – Black

Diese ganze warum-ist-unsere-Liebe-nur-gescheitert-Sache ist natürlich ein wiederkehrendes Thema, wenn man von depressiven Songs redet. Aber kaum jemand kann so etwas in so schöne Texte fassen wie Eddie Vedder. Und sowas dann noch so schön singen. Wo Andere stumpfe, profane „please come back to me“-Scheiße lallen, damit die Teenies das auch verstehen, schaffen Pearl Jam einen Song, der wirklich berührt. Beschreiben hilft nicht, einfach hören.

3. The Streets – Dry Your Eyes

Einer von Skinners größten Hits. Es ist schon seltsam: minimalistischer Garage-HipHop. Rap, der eigentlich mehr reden als rappen ist. Reime teilweise auf Biegen und Brechen. Aber die Intensität, mit der die Verzweiflung des Schlussmachens auf beiden Seiten beschrieben ist, die Kleinigkeiten der Beobachtung machen diesen Song bei genauerer Betrachtung trotzdem zu etwas Besonderem. Die wachsende Erkenntnis, dass es wirklich vorbei ist, gipfelt in Vocals, die einfach authentisch erscheinen („I’m not gonna fuckin‘, just fuckin‘ leave it all now“). Wiederum: keine leeren Phrasen, sondern Glaubwürdigkeit.

2. The Verve – The Drugs Don’t Work

Verlust ist das wiederkehrende Thema dieser Liste. Richard Ashcroft schafft es wohl mit am besten, das auf Platte zu bannen. „The Drugs Don’t Work“ ist ein instrumentell fast schon gelassener, aber sehr emotionaler Song, der sich langsam steigert, dabei aber nie künstlich wirkt. Ein sehr, sehr deprimierender Song, wahrscheinlich auch wegen der Unaufgeregtheit und schlichten Instrumentalisierung – die Geigen am Ende etwa stechen nicht kitschig heraus, sondern tragen unterschwellig zum Sound bei.

1. Bruce Springsteen – The River

Niemand schafft es so authentisch wie Springsteen, das Leben und die Sorgen der kleinen Leute im ländlichen Amerika zu beschreiben und dabei wahrlich miserable Bilder heraufzubeschwören. „The River“ ist der mit Abstand, Abstand, Abstand deprimierendste Song (und ich sage das im eigentlichen Sinn, denn es wird nie wieder etwas so niederschmetterndes geben) aller Zeiten. There, I said it.

Die kleine Mundharmonikamelodie am Anfang stimmt perfekt auf die bittere Lebensgeschichte eines Jungen im kleinen Dorf ein, dessen Leben vorherbestimmt ist. Zuerst von der Familie und dem Umfeld, das ihn zwingt, das Leben seines Vaters nachzuleben, dann von dem Mädchen, das er in der Schule kennenlernt und schwängert und heiratet, ohne Zeremonie, ohne Kleid, und das bißchen Leidenschaft, das anfangs da ist, stirbt schnell unter der unbarmherzigen Faust des Alltags und der wirtschaftlichen Rezession, und nur der Fluss erinnert daran und die Liebe erkaltet. Die Bridge ist so bitter und jammervoll in ihrer Nostalgie, aber die Träume von besseren Zeiten und der Liebe sind gestorben. „Is a dream a lie / If it don’t come true / Or is it / something worse?“

Und wenn Springsteen sonst das Ausbrechen und die Möglichkeit des American Dream wenigstens andeutet, gibt es hier kein Happy End. Nur Verzweiflung.

Wem diese geballte Ladung Pulsaderaufschlitzreiz noch nicht genügt, dem sei die Version von „Live 1975-85“ ans Herz gelegt, wo der Boss das alles noch mit einer Geschichte aus seiner eigenen Jugend verbindet und eindringlicher macht. Wenn dann die Mundharmonika einsetzt, kann ich mir nicht vorstellen, wem nicht ein Schauer den Rücken herunterlaufen würde.

Eigentlich hätte ich diese Liste auch mit 20 Songs füllen können, und zwar nur von Springsteen.

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Eine Antwort to “Zehn Songs, die euch deprimieren werden”

  1. Jetzt nimmt die Anmaßung Ausmaße an: Die besten Songs, überhaupt. « Klapperstrauß – Platten, Filme, Games und Bücher. Popkultur. Says:

    […] hatte ich damals als den zweitdepressivsten Song überhaupt bezeichnet. Und das wiederhole ich hier noch einmal: I […]

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