Zwölf Powerballaden – Eine Evaluation

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Powerballaden sind so eine Sache. Mit ihrem pompösen Kitsch trieben sie in den 80ern den Frauen die Rührungs- und den Metalfans die Wuttränen in die Augen. Dass es bei Powerballaden auch nur um ein einziges Thema – die Liebe – geht, ist sowieso klar. Dass aber nicht alle dieser als unauthentische und unaufrichtig verschrieene Teile der Musikgeschichte gleich gut sind, ist eine gerne übersehene Tatsache.

Woran also macht man die Unterschiede fest? Da wäre als oberstes Merkmal natürlich der Text. Es existieren schaurige Beispiele von Songs mit Texten, die ein legasthenischer Sechstklässler nicht schöner hätte verfassen können. Diese Songs haben einen unglaublichen Erfolg gefeiert. Subtiles Vorgehen ist beim Vortragen der ewigen, unsterblichen Liebe gefragt.

Des weiteren wäre da der Mass Appeal. Natürlich ist der letztlich das Ziel, aber ein Song, der nach 20 Sekunden schon zum grandiosen Höhepunkt mit Geigen, Pauken und Hintergrundchor kommt, ist eindeutig als blanker Sell-Out zu identifizieren.

Aber warum nicht am Beispiel lernen?

12. Foreigner – I Want To Know What Love Is

Obwohl das wohl das Epitom der Powerballade ist, fällt etwas ungewöhnliches auf: Der komplette Verzicht auf Gitarren. Das kann ein großes Manko sein, denn Powerchords, die ganze Takte über stehen, tragen sonst viel zur überwältigenden Wirkung einer typischen Powerballade bei. Um dieses Manko wettzumachen, fahren Foreigner bereits im ersten Chorus einen kompletten verdammten Gospelchor auf. Allerdings ist das ein netter Kontrast zur bewusst schlicht gehaltenen Strophe. Und ich muss sagen: Der Chor wirkt. Nicht umsonst findet sich „I Want To Know What Love Is“ unter den „500 Greatest Songs Of All Time“ des Rolling Stone Magazines wieder.

Prädikat: Wunderbarer Kitsch, zu dem man sich beruhigt bekennen darf (was ich hiermit tue)


11. Journey – Don’t Stop Believin‘

Oh, Journey. Journey, Journey, Journey. Was für ein Text, was für ein Chorus. Was für eine Stimme. Wer könnte diesen Song nicht mögen? Zugegebenermaßen muss man einen Sinn für die 80er und ihre Kultur der Übertreibung haben, um „Don’t Stop Believin'“ voll schätzen zu können, aber wer Bedenken über Uncoolness hinter sich lässt, kann auch Journey voll aufdrehen.

Prädikat: It goes on and on and on and on…


10. REO Speedwagon – Keep On Loving You

Langsam stoßen wir in Gefilde vor, die bevölkert sind von schlechten Reimen und billigen Kaufhauskeyboardsounds. Es geht durchaus schlimmer, aber REO Speedwagon kratzen mit „Keep On Loving You“ hart an der Grenze des Unhörbaren. Also dem nicht zu Hörenden. Ich meine,

„I’m gonna keep on loving you

‚Cause it’s the only thing I wanna do

I don’t wanna sleep

I just wanna keep on loving you“

hört sich eher wie ein unbeholfenes Liebesgedicht eines von Fieberträumen zerfressenen Grundschülers an. Dennoch – irgendwie rutscht dieser Song seit Jahren immer wieder in meine Playlist, und ich habe selbst keine rationale Erklärung dafür.

Prädikat: zwischen den Stühlen


9. Whitesnake – Is This Love

Das nenne ich mal einen straighten Song. Die Bassline haut alles raus, von den stupiden Drums bis zu den redundanten Gitarren. Und dabei ist die Bassline selbst ziemlich stupide und redundant. Natürlich ist auch der Text keiner von Leonard Cohen, aber mir gefällt der Kontrast im Chorus zwischen den rockigen Saiteninstrumenten und dem Keyboard, das nur vereinzelt Akzente mit Arpeggios setzt. Und das Solo vor diesem Bass. Gott, wo ist mein Anspruch an Musik hin?

Prädikat: ein Song zum Autofahren


8. Heart – Alone

Mal was anderes: eine weibliche Stimme in einer Powerballade. Nach dem obligatorischen Intro/erste Strophe-Mix donnern die Drums los (die Gitarren sind, wie seltsamerweise oft in solchen Songs, viiiel zu leise) und die vervielfachte Stimme setzt zu einer mitreißenden Melodie an. Soweit, so bekannt. Aber es funktioniert. Das Solo ist überflüssig, weil langweilig, man will Ms Wilson losjaulen hören. Trotzdem: so catchy der Refrain auch sein mag, so übertrieben und kitschig ist er auch. Der Song ist außerdem zu kurz. Wenn man den erlösenden Hook gekonnt herauszögert (Beispiel dafür weiter unten), ist der Hörer viel dankbarer dafür.

Prädikat: gute Idee, zu kommerziell umgesetzt


7. Bon Jovi – Bed Of Roses

Oder jede andere Bon Jovi-Ballade. „Always“, „I’ll Be There For You“, „Never Say Goodbye“ – you name ‚em. Wenn es eine Sache gibt, die Jon Bon Jovi gut kann, dann ist es Songs zu schreiben, die vor Herzschmerz nur so tropfen. Wenn man dann eine (zugegebenermaßen sehr) gute Stimme hat und dazu das Ausehen, das die Damen dahinschmelzen lässt, ist Erfolg praktisch garantiert. Und das ist mal wieder der Kritikpunkt. Eddie Vedder kann sich auf eine Bühne stellen in Doc Martens, einem Karohemd und versifften Haaren und trotzdem eine Ballade voll aufrichtiger Gefühle singen. Wenn kein Fön auf der Bühne ist, der seine Haare sanft wehen lässt, tritt Jon Bon Jovi gar nicht erst auf. Wenigstens ist dank des nicht unbegabten Richie Sambora die E-Gitarre in „Bed Of Roses“ ziemlich effektiv eingesetzt, sei es für kleine Interludes oder als Wand für den Chorus. Und man kann einfach nicht leugnen, dass Bon Jovi Meister ihrer Zunft sind.

Prädikat: im Geheimen hören


6. Meat Loaf – I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That)

Niemals wird man mich irgendetwas Schlechtes über die Steinmann/Meat Loaf-Kombo sagen hören. Hier ist Kitsch nicht Gefahr, sondern Stilmittel, hier ist Übertreibung Alltag und Gefühle überwältigend. Hier wird sich nicht geschert um so profane Dinge wie Songlängen im einstelligen Minutenbereich oder künstlerische Authentizität. Hier werden großartige Songs performt, und nichts anderes. Dafür aber perfekt. Muss ich wirklich beschreiben, wie grandios „I’d Do Anything For Love“ ist, mit all seinen Strophen und Instrumenten und Duetten und Metaphern? Und muss ich wirklich sagen, wie aufgebracht ich werde, wenn ich die auf fünf Minuten gekürzte Version im Radio hören muss? Nach fünf Minuten wird im Original noch nicht einmal der erste Bombast-Chorus gespielt. Gottverdammt, wenn es jemals einen Song gegeben hat, der seine zwölf Minuten gebraucht und verdient hat, dann ist es dieser.

Prädikat: pädagogisch wertvoll


5. Bryan Adams – Heaven

Niemand wird mich irgendetwas Gutes über Bryan Adams sagen hören. In fact, eigentlich will ich zu „Heaven“, dieser infernalischen schlagerhaften Vergewaltigung meiner Gehörgänge, gar nichts sagen.

Nicht mal fürs Embedden ist dieser Song zu gebrauchen.

Prädikat: …

Zu viel Haargel, zu wenig Talent


4. Prince – Purple Rain

Dass Prince eigentlich Funk macht, aber trotzdem mit Leichtigkeit eine Powerballade aus dem Ärmel schütteln kann, die um Welten besser ist als die meisten ihrer Konkurrenten, sollte den Herren von Poison, Styx, WASP und Konsorten zu denken geben. Außerdem schafft TAFAP (obwohl man ihn doch jetzt wieder als „Prince“ kennt, oder?), TAFAPBNCPA also, es so, absolut authentisch zu bleiben, trotz Streichern. Und da somit der größte Kritikpunkt an Powerballaden ausgemerzt ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als „Purple Rain“ ganz mainstreamkonform als einen der tollsten Songs überhaupt zu bezeichnen. Natürlich beziehe ich mich mit dieser Einschätzung auf den Nicht-Radio Edit. Wer auch immer bestimmt hat, dass kein Song im Radio länger als vier Minuten sein darf, sollte in der Hölle schmoren.

Prädikat: Let me guide you to the Purple Rain


3. Aerosmith – I Don’t Wanna Miss A Thing

Irgendwann gegen Anfang der 90er wurde entschieden, dass Powerballaden nicht mehr cool sind. Weil Aerosmith Ende der 90er aber noch entschieden uncooler als Powerballaden waren, konnte ihnen das auch egal sein. Egal war ihnen auch ihre künstlerische Integrität, denn wer sich einen Song von dieser Frau („Notable Works“ liest sich wie „Most Hideous Scum Ever Produced“) schreiben lässt (!), hat seine Seele dem Teufel gratis überlassen. Er war ursprünglich für… nein, wage ich es, es auszusprechen? Er war für Celine Dion gedacht.

Und: Oh Gott, Steven Tylers Mund verfolgt mich aus dem Video bis in meine abgründigsten Albträume. Wenn er beim Singen seine Zunge schlackern lässt, schlackern mir die Knie; und wenn er dieses Machwerk dahinschmettert, schmettern meine Synapsen, die für guten Geschmack  zuständig sind, kollektiv gegeneinander in den rituellen Harakiri.

Prädikat: Geeignet für Guantanamo Bay

Versucht jetzt mal, einzuschlafen.

2. Scorpions – Still Loving You

Die Scorpions waren in meinen Augen immer zu sehr bemüht, ihren amerikanischen Vorbildern nachzueifern, um eine gute Band zu sein. Dass sie allerdings mit „Still Loving You“ einen Song hingelegt haben, der tatsächlich viele Balladen dieser Vorbilder in den Schatten stellt, ist für mich ein ebenso unerklärliches wie tröstendes Phänomen. Er hat einfach alles: Die sukzessive einsetzenden Instrumente, die harten verzerrten Gitarren im Chorus, das fette Solo, die Bridge, die einen aus dem Trott reißt, ohne zu verstören – hatte ich eigentlich eingangs erwähnt, dass ich das Prinzip, das reine, pure, eigentliche Prinzip der Powerballade ziemlich gerne habe? Das hier jedenfalls ist die ungetrübte Verkörperung dieses Prinzips.

Prädikat: Ich hätte nie gedacht, mal was Positives über die Scorpions zu sagen


1. Guns N‘ Roses – November Rain

In dem Maße, in dem die Scorpions das Prinzip perfektioniert haben, haben G N‘ fuckin‘ R das Prinzip erweitert. Es ist ja nicht so, dass ich viel zu „November Rain“ erzählen müsste. Das ist wohl der mit Abstand bekannteste und beliebteste Song einer Band, die sonst von Drogen und Exzessen und Drogenexzessen und Huren erzählt. Wiederum gilt hier: Ich rede in all meinem Lobpreis von der ungekürzten, neun Minuten langen Version mit dem ungemütlichen Outro.

Vollgepackt mit Instrumenten, ohne vollgepackt mit Instrumenten zu wirken, schaffen es Guns N‘ Roses, einen sehr tighten und konsistenten Sound für einen wirklich großartigen Song zu schaffen. Slash ist für mich sowieso einer der besten (und nein, Qualität misst sich nicht an Anschlägen pro Sekunde) Gitarristen überhaupt, und hier wird ihm reichlich Platz für seine technisch perfekten Soli geboten. Wenn man dazu so cool aussieht wie im Video, in dem er vor einer Kirche mitten in der Wüste mit Zylinder, Lederjacke und Lederhose steht und seine Les Paul liebkost – aber ich schweife ab.

„November Rain“ ist sicher nicht die typische Powerballade. Aber sie sollte als Zeichen dafür stehen, was man aus einem ausgelutschten Template alles machen kann (1991 war die Powerballade eher auf dem absteigenden Ast. Danke, Kurt).

Habe ich erwähnt, dass ich meine Seele verkaufen würde, um Guns N‘ Roses in 1987er Originalbesetzung nochmal live sehen zu dürfen?

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