Coheed & Cambria – The Year Of The Black Rainbow (2010)

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Ich bin schon ein Kosmopolit.

Als ich mir letztes Jahr im Madison Square Garden Slipknot angeschaut habe (jaja, ich weiß, Untergang des Metal, Schande für die Musik et cetera ad infinitum), kannte ich die Vorband nur namentlich, und das auch nur flüchtig. Ich habe also Coheed & Cambria als Vorband von Slipknot gesehen, was ich damals stilistisch etwas unpassend fand, die restlichen anwesenden Zuschauer aber in eine ziemliche Ekstase versetzt hat.

Ich, der ich praktisch ausschließlich wegen Slipknot da war, wurde von Coheed & Cambria also etwas verwirrt zurückgelassen. War das jetzt genial oder irre? Heilloses Durcheinander oder geschicktes Arrangement? Es ist wohl schwer, eine solche Band live zu sehen, wenn man nicht mit ihrer Musik vertraut ist; die meisten im weiten Rund schienen das aber zu sein und waren dementsprechend begeistert.

Ich besorgte mir also die Platten. Und erfuhr, dass Coheed & Cambria keine Konzeptalben machen, sondern eine Konzeptband sind. Alle ihre Studioplatten erzählen eine zusammenhängende Geschichte, ein SciFi-Epos aus der Feder des Sängers und Gitarristen Claudio Sanchez. Der ist übrigens eine ganz schöne Erscheinung – eine Haarpracht, die stark an Slash zu besten Zeiten erinnert und eine Stimme, die stark an Geddy Lee zu besten Zeiten erinnert.

„The Year Of The Black Rainbow“  ist inhaltlich eine Vorgeschichte zu der Legende um Coheed und Cambria, eine Art Phantom Menace also. Leider hat die Scheibe auch sonst einige Parallelen zu Episode I aufzuweisen.

Stilistisch erscheinen mir C&C generell wie eine Mischung aus Rush, Dream Theater und Rise Against. Man könnte aber auch genausogut drei oder mehr andere Bands nennen, denn was ich letztlich mit dieser krude anmutenden Mischung sagen will, ist, dass die Band einen eigenen Stil hat. Der Schublade zuliebe würde ich es als Progressive Rock betiteln.

Das bedeutet teils ausufernde, lange Songs mit minutenlangen Gitarrensoli und Chören im Refrain; aber auf der anderen Seite finden sich auch ziemlich poppige Tracks auf den Alben wieder. Dieser Mix macht die Alben für mich interessant.

„The Year Of The Black Rainbow“ klingt allerdings subtil anders als der Rest. Es sind teilweise straightere Rocksongs, die auf eine ambivalente Art simpler sind als so mancher doch etwas überladener Versuch auf den früheren Alben; es gibt keinen vier- oder fünfteiligen Abschlusssong des Albums, der den Höhepunkt des jeweiligen Teils der Story darstellt; teilweise wird der Synthesizer offensiver benutzt als zuvor; die meistens Songs bewegen sich zwischen vier und fünf Minuten.

Das Album hat einige wirklich starke Momente, wie zum Beispiel „The Broken“ oder „Here We Are Juggernaut“; Songs, die simpel ausgedrückt ziemlich abgehen. „World Of Lines“ aber wird nur durch seinen mitreißenden Chorus aus der Beliebigkeit gezogen; „Far“ langweilt. „Pearl Of The Stars“ wiederum ist eine unaufgeregte Ballade, die neue Facetten von Sanchez‘ Stimme zeigt und zu den besseren Songs des Albums zählt.

Was ich an „The Year Of The Black Rainbow“ vermisse, ist das, was Coheed & Cambria typischerweise ausmacht. Ja, es hat anspruchsvollere Songstrukturen als das tausendste Album, das verspricht, „den Grunge wiederaufleben zu lassen“ oder „den Hard Rock zu retten“ oder dergleichen, und ja, die Vocals sind stark (wenn man sich dran gewöhnt hat) und ja, es gibt ein paar nette Melodien. Aber nein, großartige, bombastische Songs gibt es hier nicht und nein, kein Track überzeugt mich so sehr wie etwa „Welcome Home“, das (zurecht und dank eines gewissen Videospiels, das tausende Kids hat denken lassen, sie könnten Gitarre spielen) wohl bekannteste Lied von C&C.

„The Year Of The Black Rainbow“ ist sicherlich keine schlechte Platte und hat ein höheres Niveau als viele Alben, die derzeit auf dem Markt zirkulieren. Leider reicht das nicht aus, um an das hohe Niveau der beiden „Good Apollo“-Alben anzuknüpfen und etwas ähnlich Großartiges auf die Beine zu stellen.

Daher gebe ich „The Year Of The Black Rainbow“ etwas enttäuschte und enttäuschende

71%.

Inhaltlich beendet dieses Prequel die Saga. Ich frage mich, was als nächstes kommt – eine Art Nebengeschichte, eine Weiterführung der Story oder etwas ganz anderes? Man darf gespannt sein, und man darf hoffen, dass sich Coheed & Cambria wieder fangen.

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5 Antworten to “Coheed & Cambria – The Year Of The Black Rainbow (2010)”

  1. Coheed & Cambria – The Year Of The Black Rainbow (2010) | rssdeutschland.com Says:

    […] https://klapperstrauss.wordpress.com/2010/06/26/coheed-cambria-the-year-of-the-black-rainbow-2010/ […]

  2. Olsen Says:

    Dabei ist „Welcome Home“ wahrscheinlich der untypischste Coheed And Cambria-Song in der ganzen Diskographie. Klingt ja eher wie klassischer 80er Metal.

    Außerdem würde mich interessieren, ob du auch nur einen Song der Band nennen kannst, in dem minutenlang Gitarrensoli zu finden sind. Mir fällt keiner ein. (Ich würde die Band auch nicht in die Prog-Ecke stecken, aber darüber streiten sich die Gelehrten, Prog ist ja eh eine schwammige Schublade, in die man alles und nichts packen kann.)

    • Kim Says:

      Naja, meistens sind das die letzten Tracks der Alben, zum Beispiel „The Willing Well IV“ oder „The End Complete V“.
      „Welcome Home“ würde ich nicht als untypisch bezeichnen. Meines Erachtens sticht er heraus, weil er ziemlich klasse ist; das Bombastische findet man nun auch in einigen anderen Songs. Das ist sowieso das Interessante an dieser Band: Dass sie sehr vielseitig sein können.
      Und „Prog“ ist natürlich ein diffuser Begriff, aber ich finde, man kann ihn hier guten Gewissens anbringen, um sich längere Erklärungen zu sparen.

  3. Olsen Says:

    Okay, diese Art von Song meinst du also, verstehe. Da gebe ich dir recht, die Schlussteile sind meist überflüssig in die Länge gezogen. Aber bei Gitarren-Soli dachte ich jetzt eher an auffälliges Gegniedel wie bei Dream Theater und Konsorten (die meinen Begriff von Prog doch sehr geprägt haben, deshalb würde ich Coheed da nicht mit reinpacken).

    Schöner Blog übrigens, weiter so. :)

  4. Kim Says:

    Och, ob das überflüssig ist, weiß ich nicht. Ich steh auf sowas…

    Und vielen Dank, wir werdens versuchen.

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