36 Crazyfists – Collisions And Castaways (2010)

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Endlich! Was habe ich auf dieses Album gewartet. Ich weiß auch nicht, wie ich mich so krass in eine Band hineinsteigern kann, aber irgendwie hat mich 36CF gepackt. Ich höre seit einer Woche kaum etwas anderes als „Collisions And Castaways“, damit ich auch in der Lage bin, hier eine möglichst objektive Kritik zu schreiben.

Oh, und weils ziemlich geil ist.

Die letzten Alben haben mich total weggehauen. Es kursiert zurzeit soviel seelenloser, stumpfer, einfallsloser Metalcore-Quatsch, dass es mich nicht nur anödet, sondern offensiv nervt. 36 Crazyfists haben da immer eine Gegenkraft gebildet, die mit interessanten Ideen einen frischen Wind in dieses noch junge und doch schon so ausgelutschte Genre gebracht haben.

Dazu trägt auch Brock Lindow bei, der sich für die Vocals verantwortlich zeigt. Mir fällt kaum jemand ein, der so viele Gesangstechniken wirklich beherrscht. Manche können singen, aber nicht screamen; andere können shouten, aber ums Verrecken nicht singen; Lindow kann shouten, screamen, singen und growlen. Nice.

„Collisions And Castaways“ jedenfalls ist der Nachfolger des grandiosen „The Tide And Its Takers“ von 2008 und hat bei mir, wie vielleicht schon im Unterton mitgeschwungen ist, ziemlich hohe Erwartungen für das nächste Album hervorgerufen.

„Collisions And Castaways“ ist kein einfaches Album geworden. Nicht alles erschließt sich beim ersten Zuhören, und viele Songs üben ihren Reiz erst nach einigen Durchläufen voll aus; dann fallen einem aber viele kleine Details auf, die für die Sorgfalt dieser Band sprechen, was das Songwriting angeht.

Eröffnet wird das Ganze mit „In The Midnights“, das sich mit einem melodischen, stillen Intro plötzlich in einen ziemlichen Abriss steigert (was Allmusic an Metallicas „Battery“ erinnert), mit einem wunderbar heiseren Shouten, das in den donnernden Drums nicht untergeht. Wie im Metalcore so üblich, folgt dann ein melodischer Chorus, der aber trotz cleanem Gesang nichts vom Drive des Songs verliert. Weil ich unglücklicherweise noch nie 36CF live gesehen habe, weiß ich nicht, wie es bei ihren Shows zugeht, aber ich kann mir nur vorstellen, dass die Bridge den ein oder anderen Moshpit induzieren wird.

„Whitewater“ verstört anfangs mit dissonanten Gitarren, fällt aber recht schnell in einen mit hektischen Drums unterlegten Chorus. Ein interessanter Song, der aber ein paar Anläufe braucht, um zu überzeugen, das aber mit fetten Riffs recht bald zu tun weiß. „Mercy And Grace“ baut eine eher verzweifelte Atmosphäre auf, die auf cleanen Gesang, amelodische Riffs und das überzeugende Schlagzeug von Thomas Noonan setzt. Im Kontrast dazu knallt aber Refrain ganz gewaltig; insgesamt aber ein für Metalcore untypischer, für 36CF typischer Song, der verschiedene Elemente und Stimmungen gekonnt verbindet.

„Death Renames The Light“ stampft von Anfang an heftig los und bietet auch einen Quasi-Breakdown nach dem Chorus. Auch auf die Gefahr hin, als voreingenommen bezeichnet zu werden: Auch dieses abgedroschene Stilmittel haben 36 Crazyfists besser drauf als viele Konkurrenten und können es harmonischer in den Song eingliedern. „Anchors“ hätte mein absoluter Favorite auf dem Album werden können, wäre da nicht diese unglaublich nervige, ruhige Stelle, die wohl den Refrain darstellen soll. Nicht, dass eine ruhige Stelle da unpassend wäre, nein, sie ist einfach nicht gut. Schade. Zonk.

Nach dem besonnenen Interlude „Long Road To Late Nights“ muss „Trenches“ natürlich wieder ordentlich loslegen, um die Tour de Force aufrechtzuerhalten. Das tut es auch, ist aber ein doch eher unspektakulärer Song, der in der Mitte des Albums gut aufgehoben ist. „Reviver“, das bereits als Vorabsingle veröffentlicht wurde, kannte ich ja schon, und es war ein Hauptgrund für die Hoffnung auf ein starkes Album. In den ersten 3, 4 Sekunden hat es mich fatal an „Vast And Vague“ vom Vorgängeralbum erinnert, schlägt aber eine ganz andere Route ein und bietet viel Abwechslung. Einer der stärksten Songs des Albums.

„Caving In Spirals“ fängt sehr ruhig an und bleibt auch so. Was andere Bands aber als notwendiges Übel sehen und teilweise in Songs inkorporieren, um den Anschein von Abwechslung zu erwecken, klingt hier aber sehr authentisch und mitreißend, verzichtet völlig auf in diesem Fall unpassende Parts wie Blasts oder Breakdowns und bleibt durchgängig bei cleanem Gesang.

„The Deserter“ lässt mit seinem Beginn viel Hoffnung auf einen echten Knaller aufkommen. Leider wird schnell klar, dass diese Hoffnung nutzlos war, denn die zu langen Blastbeats entledigen dem Song jeglicher Melodie, was von den irgendwie unpassenden Growls am Ende der Refrains und während der Strophen unterstützt wird. Das kann die irgendwie an Chimaira erinnernde Bridge auch nicht ändern. Mein Tipp: überspringen.

Das Album endet mit „Waterhaul II“. Wie sein Namensgeber von „A Snow Capped Romance“ ist auch dieser letzte Track des Albums aufgebaut: Lange, ruhige Passagen ohne Gesang oder Drums, die ganz plötzlich in eine fiese Scream-Attacke übergehen, die den unbedachten Hörer durchaus erschrecken kann. Ziemlich geil, trotzdem.

Wurden meine hohen Erwartungen erfüllt? Nicht ganz. Das liegt aber glaube ich auch an diesen überzogenen Erwartungen. Wenn man die Fallhöhe vergrößert, wirken auch kleine Enttäuschungen größer, als sie eigentlich sind.

„Collisions And Castaways“ ist ein wirklich gutes Album, das durch seine Vielseitigkeit überzeugen kann und sich so von all dem grauen Rest der Mitbewerber absetzt. Natürlich werden auch Fans des klassischen Metalcore bedient, die Härte wird hier aber gezielt eingesetzt, um Songs zu unterstützen, und nicht als Selbstzweck, wie das zum Beispiel Parkway Drive tun. Alles in allem erreicht es nicht ganz die Qualität von „The Tide And Its Takers“, vielleicht auch nicht ganz die von „Rest Inside The Flames“, das ich aber nicht zum Vergleich heranziehen will, weil sich die Alben zu stark unterscheiden.

36 Crazyfists ist eine Band, die sich stark weiterentwickelt hat, aber auf jeder Stufe ihrer Entwicklung eine durchwege hohe Qualität an den Tag gelegt haben. „Collisions And Castaways“ ist nun die logisch folgende nächste Stufe; und auch sie weiß zu überzeugen.

88%.

Bäm.

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