Wheatus – Too Soon Monsoon (2005)

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Nachdem wir uns und euch eine ganze Woche Urlaub vom anstrengenden Blogschreiben respektive -lesen gegönnt haben, wird nun die Kategorienpalette aufgefüllt.

Nicht nur brandneue und superaktuelle Platten sind interessant, denn es gibt auch Schätze, die deshalb aktuell wirken, weil sie einem bis dahin unbekannt waren. Im Tiefkühlfach, sozusagen. Ich bin dann immer sehr bemüht, für viele Leute möglichst viel aufzutauen, was ich hiermit auch öffentlich tue –

„Too Soon Monsoon“.

tsm

Ich mag in diesem Blog schon ein-, zwei- oder dreimal erwähnt haben, wie sehr ich auf Wheatus stehe. Es gab natürlich eine Phase, in der jeder auf Wheatus stand – nämlich in den ersten paar Wochen nach dem Release von „Teenage Dirtbag“. Dieser ganz hervorragende Song war aber vielen schnell wieder zu Mainstream und zu beliebt, als dass man allen Ernstes behaupten könnte, ihn gutzufinden, und ich muss gestehen, dass auch ich ihn als funktionellen Teenie-Hook-Pop abgetan habe.

Bis ich per Zufall, Jahre später, auf die anderen Platten von Wheatus stieß. Schon das Debütalbum hat eine Menge starker Songs, deren poppige Melodien nicht von der feinen Ironie von Brendan B. Browns Lyrics ablenken konnten. „Suck Fony“ war dann danach eine recht klare Ansage gegenüber der alten Plattenfirma; ein Re-Issue von „Hand Over Your Loved Ones“ auf dem eigenen Label. Das Glanzstück sollte dann danach folgen: Ohne auf Plattenbosse und Verkaufszahlen achten zu müssen, konnten Wheatus ein sehr individuell klingendes Album veröffentlichen – „Too Soon Monsoon“ von 2005.

Schon der Opener „Something Good“ zeigt, worum es geht: Sehr eingängige, aber nie anbiedernde Melodien treffen auf intelligente Texte. Und selten habe ich eine Orgel so befreit in einem Popsong aufspielen hören. „In The Melody“ ist dann Teil einer Abrechnung mit der CD-Industrie, „BMX Bandits“ eine wunderbar unnostalgische Kindheitserinnerung voll aufgeschürfter Knie und Schlammflecken.

Ich will einen kurzen Diskurs über moderne Popmusik einfügen. Es macht mich regelrecht krank, wie perfekt sich neue Singles von „Interpreten“ anhören, die sich in den oberen Gefilden der Charts tummeln. Die Autotune-Plage hat ihre Opfer nur so dahingerafft, während textliche Banalität, abscheuliche Indifferenz, ausgelutschte Reime und „Put your hands up“s ein Fest auf dem Grab künstlerischer Integrität ausrichten.

An Songs wie „London Sun“ hängt meine ganze Hoffnung, dass ein Song nicht egal sein muss, nur weil er eingängig ist. Brown schreibt hinreißende Hooks für seine Band, die sich aber dezent zurückhalten, um die Songs nicht darauf zu reduzieren. „London Sun“ dürfte sich einen Platz in meinen ewigen Top… sagen wir, Top 15 verdient haben.

(auf der CD fehlen die nervigen Echos im Chorus; der Song startet nach circa einer Minute des Videos.)

„I Am What I Is“ ist ein unaufgeregter, ins Ohr gehender Song, der besonders die Stärken von Brendan B. Browns Gesang herausstellt; „The Truth I Tell Myself“ eine ernste, selbstreflektierende Ballade.

Dass die Songs großartig sind, erwähne ich nicht extra. Huch, jetzt hab ichs ja doch gemacht. Ich weiß genau, dass dieses Stilmittel einen Namen hat…

Ein (weiteres) Highlight des Albums ist „Hometown“, die sanfte Remineszenz an 9/11, die ohne übertriebenen Pathos oder Schmerzbekundungen auskommt und anstattdessen die Ereignisse aus Sicht des New Yorkers, der Brown ist, beschreibt; außerdem eine Ode an die Türme selbst, so seltsam das hier klingen mag.

(diese Live-Probenversion kommt der Studioversion ziemlich nahe)

„Desperate Songs“ folgt wieder dem Schema von ruhiger Strophe und mitreißendem Chorus, was keinesfalls darauf hindeutet, dass das Konzept des Albums abgedroschen wird. Das Gegenteil ist der Fall: Je öfter man die Songs hört, umso besser gefallen sie einem. Ähnlich ist das mit „This Island“, meinem persönlichen Favoriten mit dem wunderbaren Walzer am Ende und Lyrics, die Eigenständigkeit und Willen betonen. „Who Would Have Thought“ ist ein mittelmäßiger Poprocksong, was daran liegt, dass er nicht von Brown geschrieben und gesungen wurde, sondern von Backgroundsängerin Kathryn Froggatt. Aber auf einem Meta-Level finde ich das schon wieder gut – auf einer Majorplatte wäre eine solche Geste niemals möglich gewerden. „No Happy Ending Tune“ bricht mit Funkanleihen etwas den Stil des Albums, ordnet sich aber andererseits mit dem langen Orgelsolo wieder eindeutig zu.

Unglücklicherweise findet sich „This Island“ nicht auf Youtube.

Glücklicherweise findet sich dafür eine Lösung. Auf der Wheatus-Website finden sich neben der neuesten EP auch ältere Releases, darunter „Too Soon Monsoon“ zum Download (auf  „Past Releases“ klicken) – wenn man will, umsonst, und das legal. „Pay what you want“ hat damals bei Coldplay schon geklappt.

Um zurück zum Thema zu kommen – „Too Soon Monsoon“ ist ein ganz außergewöhnlich gutes Album, eine Perle, für die man leider tief tauchen muss. Die Unabhängigkeit der Band sorgt dafür, dass sie ihren Stil voll und ohne Kompromisse ausspielen können, und das kann nur zu ihrem Vorteil sein. Das bedeutet: Sehr eingängiger, und doch kluger Pop, der viel mehr Fans verdient hätte.

Allein dafür hätte das Album mindestens 119% verdient, aber man muss ja realistisch bleiben. Unter Anbetracht all dieser Umstände:

94%.

Schlagt mich doch.

Oh, und noch etwas: Ladet euch auch die anderen Platten runter. Und wenn sie euch gefallen und dann bald die zweite „Pop, Songs & Death“-EP erscheint (worauf ich natürlich zeitig hinweisen werde), lasst ein paar Pfennig dafür rüberwachsen. Ich weiß, dass ich das tun werde.

Manche Bands haben das einfach verdient.

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Eine Antwort to “Wheatus – Too Soon Monsoon (2005)”

  1. Wheatus – Pop, Songs & Death Vol. 2: The Jupiter EP (2010, doch noch) « Klapperstrauß – Kritiken zu Platten, Filmen, Games und Büchern. Popkultur. Says:

    […] sich die EP zu laden und das word zu spreaden. Und wenn ihr schon dabei seid: Zieht euch „Too Soon Monsoon„. Es ist kostenlos und […]

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