John Irving – Last Night In Twisted River (2009)

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Ich finde es immer schwierig, über Literatur zu schreiben. Mir gehen überdetaillierte Analysen von Charakteren, am besten noch mit Bezug auf die Vita des Autors, schwer auf die Nerven. Letztlich sollte es um die Geschichte gehen.

In „Last Night In Twisted River“ erzählt John Irving eine Geschichte.

Vorab: Ich werde Irvings neuesten Roman nicht mit „The World According To Garp“ vergleichen. Das läge zu nahe und wäre zu einfach.

In „Last Night In Twisted River“ geht es um das Leben dreier Männer: das von Dominic Baciagalupo, seines Sohnes Daniel und seines Freundes Ketchum. Die Geschichte beschreibt fast ein halbes Jahrhundert der Leben dieser Männer; sie beginnt in den 50er Jahren in einem Holzfällercamp in New England, wo die Baumstämme den Androscoggin heruntergeschickt werden. Dominic ist der Koch im Camp, sein Sohn hilft ihm aus. Ketchum ist ein alter river driver. Weil der junge Daniel die Liebschaft seines Vaters, eine 150 Kilo schwere Indianderin, schlaftrunken mit einem Bär verwechselt und tötet, müssen sie fliehen, denn sie schieben den Unfall dem Alkoholikersheriff und offizieller Freund von Injun Jane unter.

Die Flucht vor Carl, dem verrückten Sheriff, bestimmt fortan das ganze Leben von Dominic und Daniel. Zunächst fliehen sie nach Boston, wo sie im italienischen Viertel von ihren entfertnen Verwandten mit offenen Armen empfangen werden. Dort macht Danny seine ersten sexuellen Erfahrungen, Dominic findet eine Frau. Doch die Idylle währt nicht ewig, denn der fette Sheriff hat Wind davon bekommen, dass nicht er es war, der im Vollsuff Jane getötet hat. Die Baciagalupos müssen wieder fliehen, dieses Mal nach Vermont, wo Danny zum bekannten Autoren wird, und Dominic eine Reihe recht erfolgreicher Restaurants führt. Nach Vermont kommt Toronto, und noch immer gibt es keinen festen Ort, an dem Danny und sein Vater zur Ruhe kommen.

Nicht nur “ Cowboy“ Carl ist ein bestimmender Faktor in ihrem Leben. Auch die prägende Zeit in der Holzfällersiedlung schimmert immer wieder durch. So ist zum Beispiel die „mud season“ auch dort die mud season, wo es keinen Schlamm geben kann.

„But for Daniel Baciagalupo, mud season was as much a state of mind as it was a recognizable season in nothern New England.“

Dabei schwebt Ketchum immer im Hintergrund. In den 50er und 60er Jahren war es schwierig, Kontakt zu halten, denn Telefone waren rar und Briefe gefährlich. Über die Zeit entdeckt der ruppige Holzfäller aber seine Liebe zum Schreiben (nachdem er erst einmal lesen gelernt hat) und sein Faible für Faxgeräte. Er hält ein Auge auf Carl, der bis ins hohe Alter seine Rachepläne nicht aufgegeben hat, und will selbst im Alter seine schlechten Angewohnheiten nicht ablegen.

„I just buckled the bear in your seat belt, Danny, and pulled a hat over his ears. The beast’s head looked like it was stuffed between his shoulders – bears don’t have much in the way of necks – but I suppose we looked like two bearded fellas out driving around!“

– Ketchum schmuggelt einen toten Bär über die Grenze

Es ist nutzlos, das Plot zusammenzufassen, ebenso, wie es nutzlos ist, die Charaktere umfassend beschreiben zu wollen. Irvings Stärke ist seine Detailfülle. Anekdoten, kleine Geschichten, scheinbar überflüssige Anmerkungen und winzige Nebencharaktere – all das, was andere als zu viel erachten, vermag er so einzubringen, dass es organisch wirkt. Dass dabei die Lebensgeschichte von Daniel Baciagalupo (später Danny Angel, wieder später wieder Daniel Baciagalupo) Irvings eigener sehr ähnelt, muss dabei weder stören noch kümmern. Der Autor schafft es, mit vordergründig belanglosen Einzelheiten, den Leser an die Geschichte zu fesseln.

Dabei sind Buch und Lebensgeschichten der Männer in sechs Teile geteilt, die alle datiert sind und die jeweilige Gegenwart anzeigen. Was jedoch zwischen den Jahreszahlen passiert, wird immer in Retrospektive erzählt, was den unaufmerksamen Leser teils verwirren kann. Die nicht-lineare Erzählform hilft allerdings immens beim Spannungsaufbau, da in den einzelnen Erzählzeiten Informationen vorausgesetzt werden, die erst im Laufe des Kapitels ersichtlich werden; so ahnt der Leser Dinge und versucht, sie vorauszusagen.

Nur soviel: Die Geschichte ist eigentlich unspektakulär. Sie eignet sich bestimmt nicht für große Hollywood-Produktionen. Sie ist eher eine Charakterstudie als ein actionreicher Rausch. Aber sie ist in sich geschlossen und kommt zu einem befrieidigenden Ende. Irving sagt durch den Schriftsteller Danny in seinem Buch, dass Geschichten eben nicht realistisch sein müssen – es ist gerade Aufgabe des Schreibers, eine Erzählung kohärent zu machen, so, wie es das Leben nicht schafft.

Ich fand den Einstieg in das Buch etwas schwer, weil ich nicht wusste, wo es hinwollte. Die Situation in Twisted River hielt ich für relativ ausweglos – bis zu dem Unfall, den Injun Jane ihr Leben kostet. Es sind solche bizarren Situationen, die die Dynamik der Geschichte anfeuern, sie in Fahrt bringen. Und ich weiß nicht, warum, aber ich konnte ab dann nicht mehr aufhören zu lesen. Im Bus, der S-Bahn, zuhause, im Gehen (war zwar eine Ausnahme, aber erwähnenswert). Das ist es am Ende, das ein gutes Buch für mich ausmacht, auch wenn das wohl literaturwissenschaftlich eine reichlich eingeschränkte Sicht darstellt. Die Glaubwürdigkeit und Detailfülle der Hauptcharaktere und die geschickte Einbindung der Nebencharaktere erzeugen in meinen Augen eine trotz aller Zufälle und Wendungen stringente Geschichte. Man muss Irvings Stil kennen, um zu verstehen, wovon ich spreche.

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Eine Antwort to “John Irving – Last Night In Twisted River (2009)”

  1. Fee Says:

    haste du sehr schön zusammengefasst, kim! und kann deiner meinung zum buch nur zustimmen, wobei irving trotzdem schon bessere romane geschrieben hat (und damit meine ich auch nciht nur garp, weil das wäre ja zu einfach). was man allerdings auch noch erwähnen sollte, sind die typischen irving motive, die wie in fast jedem seiner romane auch hier auftauchen, allem voran bären, ein schriftsteller, die neu england-ecke & toronto etc, aber auch kleinere sachen, die man schon aus anderen büchern kennt, wie die squash racquet handles, bei denen ich sehr schmunzeln und an „son of a circus“ denken musste. es ist also ein ziemlich typischer irving, aber auch ein ziemlich guter, wie du gesagt hast :)

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