Bushido – Eine textliche Analyse

by

Ich schleppe schon seit Längerem den Gedanken mit mir herum, so etwas zu machen. Zwar ist Bushido im Moment ziemlich in der Versenkung verschwunden (bis auf diesen unsäglichen Song zur WM diesen Sommer), aber seine Texte verfolgen mich.

Vor Jahren habe ich mir aus Interesse sein Album „Von der  Skyline Zum Bordstein Zurück“ besorgt und angehört. Ich musste zu dem Ergebnis kommen, dass diese 20 Songs letztlich nur ein einziges Thema und einen einzigen Inhalt haben: Bushido ist der härteste, du bist schlecht. Er ist HipHops Manowar, sozusagen. Es wäre ja nicht einmal schlimm, wenn er das Ganze mit Skill vortragen würde, wie es beispielsweise Kollegah kann.

Ich möchte am Beispiel von „Kurt Cobain“ zeigen, was ich meine, damit ich es endlich von der Seele habe.

Worum es in „Kurt Cobain geht“, muss also wie gesagt nicht wiederholt werden. Ach, scheiß drauf, warum nicht: Bushido ist der krasseste.

Unverständlich wird es aber bereits in der ersten Line. Warum zum Teufel vergleicht er einen Selbstmörder mit sich selbst?

Es ist Kurt Cobain, Lauf in den Mund

Ich bin dieser Typ, der dich einfach haut ohne Grund

Also lauf, lauf wie ein Hund

Es ist aus mit euch Jungs

Es macht Klick-Klack, Klick-Klack, Boom

„Es“ ist Kurt Cobain? Was? Dass der, den Bushido schlägt, weglaufen soll, hat ja noch inhaltlichen Zusammenhang, aber warum werden daraus in der vierten Line mehrere? Und wenn nicht in jedem zweiten Song dieses Albums diese dämlichen Pumpgun-Geräusche vorkommen würden, wäre das auch weit weniger abgedroschen.

Ich bin in einem Hotel mit Jamie Foxx

In der Schule war ich der, der sich mit Cemil boxt

Ersguterjunge Labelboss, du erlebst einen Schock

(Das Geklicke-Geklacke könnt ihr euch ab jetzt dazudenken)

Ist die Tatsache, dass sich Bushido als Junge mit anderen geprügelt hat, eine Antithese zu der Tatsache, dass er nun reich ist und in schicken Hotels übernachtet, oder hat sich nicht jeder mal in der Schule „geboxt“?

Ja, und alle wollen Rapper spielen

Doch ich schwebe über euch allen wie ein Zeppelin

Ich bin der King und ich habe ein perfektes Team

Besser flieh, wenn du hörst

An dieser Stelle muss ich sagen: Wow. Bushido schafft es, einen mittelmäßigen Reim und einen mittelmäßigen Vergleich mittelmäßig sinnig miteinander zu verbinden. Das ist für seine Verhätlnisse nicht mittelmäßig, sondern großartig.

hindenburg

Depicted: Bushidos Skills.

Und mein Album ist jetzt wieder Burner

Deine Mama ist ne Crack-Bitch wie Tina Turner

Du sitzt am Lagerfeuer und hörst Christina Stürmer

Ich bin der Leader, hör mal

Dass man im Sinne des Flows mal auf einen Artikel verzichtet, kann man ja noch durchgehen lassen. Was das aber mit dem Drogenkonsum meiner Mutter zu tun haben soll, kann ich nicht sagen. Und Lagerfeuer? Christina Stürmer? Was bitte? Es reimt sich, ja klasse. Aber was in Gottes Namen will uns Bushido damit sagen?

Und dann der Refrain:

Das ganze Geld da draußen werde ich mir wirklich nehm‘

Was denkst du, wer du bist, du redest nicht mit irgendwem

Junge, mach die Augen auf, und dann wirst du sehen

Ich bin Kurt Cobain

Ich weiß nicht, was morgen ist, aber es wird schon gehen

Ersguterjunge, Universal, urban fame

Junge, streng dich etwas an, und du wirst verstehen

Ich bin Kurt Cobain

Wer nicht mal in der Lage ist, Reime mit Sätzen zu bauen, die sich nicht furchtbar unnatürlich anhören („werde ich mir wirklich nehmen“), sollte sich vielleicht nicht als bester Rapper Deutschlands bezeichnen. Und symptomatisch ist weiterhin, dass Bushido immer wieder nutzlose und leere Schlagworte einwerfen muss, wenn ihm die Reime ausgehen. Bevorzugt sind das Namen von Berliner Stadtteilen, sein Label, seine Plattenfirma, sein Name oder der eines seiner Kollegen. Reichlich schwach.

Ich ziehe das durch. Ich werde den ganzen Text auseinandernehmen. Es ist zu einem gewissen Ausmaß Selbsttherapie. Ihr müsst es ja nicht lesen.

Es ist Kurt Cobain wie ich aus dem Touareg steig

Die Frauen wollen mein Herz, doch es ist leider nur aus Stein

Alles hat ein Ende, doch die Wurst hat zwei

Komm auf Tour vorbei, oh yeah

Ich glaube kaum, dass Kurt Cobain jemals aus einem VW Touareg gestiegen ist. Offensichtlich ist das symbolisch gemeint; die Frage ist nur, als Symbol wofür? Wie wäre Cobain aus einem Touareg gestiegen? Gefallen, weil auf H? Mit der Pumpgun in der Hand? Mit der Gitarre? Mit Courtney Love gar? Das mit der Wurst ist ein Armutszeugnis; warum gerade ich, dessen Mum doch eine Drogenabhängige ist, un der ich am Lagerfeuer sitze und mir schlechten Deutschpop anhöre, bei ihm auf Tour vorbeikommen soll, ist mir auch unverständlich.

touareg

Seattle, 1990.

Und der Kampf beginnt

Junge, guck, wie deine Freundin meinen Schwanz verschlingt

Du willst mich aufhalten? Ganz bestimmt

Ich bin ein Mann, du Kind

Ich muss sagen, dass die ersten beiden Lines nicht schlecht sind (auch wenn ich sehen will, wie meine Freundin Bushidos Genital im Mund hat, während er mit mir kämpft – reichlich unpraktisch, schätze ich). Der Rest ist nicht erwähnenswert. Allerdings muss an dieser Stelle Bushidos Flow erwähnt werden, der äußerst holprig anmutet, besonders vor besagtem Klick-Klack. In diesem Fall kommt nach „du Kind“ nämlich „und es macht immer Klick…“ Für meine Ohren klingen diese Überleitungen schlicht hilflos.

Ich bin Raps Charles Bronson

Gebt euch keine Mühe, für mich seid ihr alle Bonzen

Es ist Untergrund, Rap-Katakomben

Ich werfe auf dein‘ Vater Bomben

Bushido ist also der Mann mit der Mundharmonika des Rap. Der good guy. Antithetisch zu seinem künstlich aufgebauten Image. Soso. Dann: Wir sind Bonzen? Ich rede nicht ständig von meinen Autos, Uhren, Häusern, Geld. Das tut er. Wer ist Bonzen? Weiter: „Untergrund.“ Ich zitiere: „Universal, urban fame“ – der Umstand, von einem Majorlabel gesignt zu sein, scheint Bushido sonst Ego-Höhenflüge zu verschaffen. Warum er auf meinen Vater Bomben wirft – also auf meinen Vater – Bomben – kann ich mir nicht erklären.

Weil bei euch mal wieder nix geht

Ich bin dieser Junge, der auch Mädchen ins Gesicht schlägt

Ich will kein Feature und scheiße auf dein Mixtape

Ich lieb es, wenn es klickt, ey

Weil bei uns nichts geht – was? Das wird im weiteren Text nicht geklärt. Schade. Und dass Bushido Mädchen ins Gesicht schlägt, ist wirklich eine Sache, auf die man stolz sein sollte. Aber „Ich bin Alice Schwarzers Lieblingsrapper“ kommt im „Ghetto“ vielleicht nicht so cool. Und – ich glaube, auf ein Feature von Bushido können die meisten ernstzunehmenden Rapper sowieso verzichten. Ein „ey“, damit es sich reimt – große Kunst.

kc

Bushido, circa '92.

Es ist Kurt Cobain, Knarre an die Schläfe

Ich sitze am Kopf des Tisch (sic) und halte eine Rede

Die Leute sind jetzt mein Album am Empfehlen

Ich will all eure Seelen

Die unverständliche Sache mit Kurt Cobain hatten wir schon. Wie sich die zweite Line auf die erste Reimen soll, ist eine Frage, die wohl nur der Herr Poet selbst beantworten kann – vielleicht war ja der unsaubere Reim ein absichtliches Stilmittel, um besonders auf die dritte Zeile hinzuweisen, die Bushidos profunde Kenntnisse der deutschen Sprache demonstriert. Und oh, er will unsere Seelen, obwohl wir solche Pussys und Toys sind. Entscheid dich mal.

Und du musst dich dann verstecken

Du hast keinen Trend gesetzt, außer wie mein Schwanz zu rappen

Mein altes Album läuft, alle fangen an, zu backen

Niemand kann dich retten, Homie

Wann muss ich mich verstecken? Wie rappt Bushidos Penis? Warum gerade das alte Album? Fragen über Fragen. Bushidos Motto bleibt: „Ich brauche keine Idee über mehr als eine Zeile auszubreiten“.

Und alle werden kreidebleich

Junge, ich komme in deine Stadt wie Michael Knight

Sonny Black, der beste Rapper seiner Zeit

Es ist leicht wie Einmaleins

Michael Knight, the Artist formerly known as "Bushido", a.k.a. "The Hoff"

Viel mehr muss dazu nicht gesagt werden, glaube ich.

Oh ja, ich warne dich, komm her

Und die Paparazzi fahrn dem Wagen hinterher

Sagt mir, wen ihr wollt: Bin Laden oder Fler

Guck, ich lade das Gewehr

Grundschuldrohgebärden treffen hier auf überzogene Starallüren. Eine interessante Mischung. Bin Laden mit Fler, dem wahrscheinlich einzigem Rapper in Deutschland, der noch unbegabter als Bushido ist, zu vergleichen, ist anmaßend, abgesehen von der Grausamkeit der Attentate respektive Skills. Dann lädt Bushido wieder mal das Gewehr, wie Kurt Cobain. Um sich umzubringen? Mich beschleicht das Gefühl, dass Bushido gerne mit einer gehörigen Portion Ignoranz Namen in seinen Texten benutzt. Zur Erinnerung: Allein in diesem Song hat er sich selbst mit einem suizidalem, heroinabhängigen Outcast und Ikone, dem Helden des wohl berühmtesten Italo-Westerns und dem latent homosexuellem und einsamen (wer redet schon mit seinem Auto?) Protagonisten einer peinlichen Sonntagnachmittagserie verglichen. Wo da der Zusammenhang ist, bleibt unersichtlich.

Man merkt einfach viel zu sehr, wie all diese Worte nur eingebaut werden, damit sich die Texte auf Teufel komm raus reimen. Vielleicht sollte Bushido die stümperhaften mehrsilbigen Reime sein lassen, die Lyrics etwas einfacher (ha) konstruieren und dafür ansatzweise Inhalt einpacken. Die stumpfsinnigen, leeren Phrasen, die in beliebiger Reihenfolge aneinandergereiht werden, sind eine Beleidigung der Skills anderer Rapper. Ich kann das einfach nicht ernstnehmen. Ich behaupte nicht, dass Bushido kein geschickter Geschäftsmann und Selbstvermarkter ist, aber er sollte das Rappen schlicht und einfach sein lassen. Unterlegt sind seine ungeschickten Texte dann immer mit düsteren, drohenden Beats, immer mit Streichern, sphärischen Keys, fetten Kicks. Unpassend also.  Oder vielleicht weniger unpassend als redundant und repetitiv, langweilig, öde.

Wer es tatsächlich bis hier unten geschafft hat: Ich bin überrascht und fühle mich geehrt, dass jemand tatsächlich meine geifernden Hasstiraden liest. Meine Seele ist beruhigt, ich kann nachts wieder schlafen.

Ich liebe HipHop. Ich mag die Selbstverherrlichungsmasche nicht. Wenn dann schlechter HipHop auf hoffnungslos übertriebene Selbstverherrlichungsmasche trifft, macht mich das wütend.

Und traurig. Denn: „Ich bin schon zweimal Gold gegangen / Obwohl ich es nur einmal wollte, Mann“.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

2 Antworten to “Bushido – Eine textliche Analyse”

  1. tim Says:

    sehr gute Arbeit!!! schade dass sich hierzu keiner äußert, die Mühe die du dir gegeben hast ist aufjedenfall zu erkennen! Daumen hoch!

  2. Silbermond Oder: Wie ich lernte, Musik zu verachten « Klapperstrauß – Kritiken zu Platten, Filmen, Games und Büchern. Popkultur. Says:

    […] gibt nur einen Weg, das klarzumachen: Eine Wort-für-Wort-Analyse ähnlich der für unser aller Lieblingsrapper. Ich habe einen Schatz gefunden, und er trägt deinen Namen. So wunderschön und wertvoll, mit […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: