Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst

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Lene und Tonia sind jung, aber keine Teenager mehr. Beide studieren in Berlin und zwar schon lange genug um es Alltag nennen zu können. Jede hat ihre Wohnung oder WG und eine feste Beziehung. Die Welt ist da um genossen zu werden. Das Leben läuft wie es laufen sollte mit Mitte zwanzig.

Dann wird Lenes Freund Tim überfahren.

Jetzt ist nichts mehr wie es sein sollte. Plötzlich verliert das Leben seine Unschuld und erwachsen sein bedeutet ernste Probleme meistern.

Tonia reagiert als beste Freundin und verlässt mit Lene im Gepäck spontan die Stadt, in der alles an Tim erinnert und in der jeder nur Mitleid hat. Ohne Ziel und ohne Plan fahren die beiden aufs Land und landen am Ende am Meer.

Elisabeth Ranks Roman erzählt eine kleine Geschichte, von einem großen Ereignis für ihre Protagonistinnen. Die 200 Seiten erstrecken sich nur über die wenigen Tage von Tims Tod bis zur Beerdigung. Auf den ersten Blick scheint nicht viel zu passieren, doch für die beiden Studentinnen passiert in dieser kurzen Zeit doch sehr viel. Es geht um den ersten großen Verlust im Leben und den Zwang damit umgehen zu müssen.

Bei diesem Thema war die Gefahr groß ein deprimierendes Drama zu produzieren, doch der Autorin gelingt es, das unglaublich schwere Thema ganz leicht zu erzählen. Das liegt vor allem an ihrer unverkrampften Sprache und ihrem Talent Augenblicke und Emotionen kreativ zu beschreiben. Selten habe ich so schöne Details und Nebensächlichkeiten geschildert bekommen. Diese veranschaulichen immer wieder die tiefen Gefühle der Protagonistin, welche wörtlich beschrieben wohl einfach nur erdrückend oder kitschig gewesen wären. So entsteht auf wenigen Seiten ein überaus intensiver Eindruck von Lene und Tonia. Der schwüle Sommer in dem die beiden jungen Frauen ihre erste tiefe Krise erfahren wird spürbar.

Als besonders gute Entscheidung ist hervor zu heben, dass die Autorin die Geschichte aus Sicht der Freundin Tonia erzählt. So bleibt immer noch ein gewisser Abstand zu Lenes unvorstellbaren Schmerzen. Das krasse Thema ist zwar eindringlich, bleibt so aber ertragbar. Ab und zu vollführt die Autorin Sprünge in eine andere Erzählperspektive. Auf einmal lesen wir doch einige Absätze aus Sicht Lenes, oder eines anderen Charakters. Manche Erinnerungen Tonias werden ausführlich in Flashbacks abgehandelt. Das trägt dazu bei, die minimalistische Geschichte etwas auszuweiten.

Wie es wohl auch im wahren Leben wäre, ist die Krise, bei all ihrem Gewicht, nicht alles in Tonias Leben. Auch sie hat ihre eigenen Probleme, welche in dieser Situation natürlich in den Hintergrund treten und im Roman so auch nur die Position einer kleinen Nebenhandlung einnehmen. In dieser Rolle überzeugen sie aber voll und ganz und tragen zum insgesamt natürlichen Bild bei.

Der Verlag wirbt für das Buch mit den Schlagwörtern Generationenportrait und Roadstory. Ersteres kann ich nicht wirklich unterschreiben. Zwar entstammen alle Hauptcharaktere der selben Generation mitte-zwanzig-jähriger Studenten, doch das soziale Milieu und der Zeitpunkt der Geschichte spielen nur am Rande eine Rolle. Austauschbar ist das alles und nicht wichtig für die Erkundung der schwierigen Gefühle und Beziehungen.

Roadstroy liegt nahe als Bezeichnung, sind die beiden Mädchen doch fast das ganze Buch über in ihrem Auto unterwegs. Fast episodenhaft wirken die einzelnen Stationen der Reise. Doch auch die Schauplätze sind nicht wirklich wichtig, ebenfalls austauschbar. Sie dienen nur als Kulisse für die feinen Interaktionen zwischen Lene und Tonia.

Am Rand der Landstraße hielten wir an, um zu rauchen. Nebeneinander lehnten wir am Auto, es mußte schön ausgesehen haben für die, die in den Autos saßen und an uns vorbeifuhren. Zwei Beine in einem Rock und zwei Beine in einer engen Hose, wehende Haare und Zigaretten zwischen den Fingern. Wie Cowboys standen wir, und vielleicht dachten sie, wir fänden das gut, wir würden das genießen.

„Story“, also „Geschichte“ ist eigentlich schon zu viel. Was wir vorfinden ist eher eine „Nicht-Geschichte“.  Das einzige große Ereignis, der Tod des Freundes, findet sogar noch vor dem Beginn des Buches statt. Danach suchen die Protagonistinnen zwar nach äußeren und inneren Veränderungen, müssen aber feststellen, dass das nicht so einfach ist. Der Schmerz bleibt einfach. Mehr Momentaufnahme als Roman. Zwar haben wir so etwas wie einen Epilog, in dem dann doch eine Entwicklung zu erkennen ist, aber auch hier, wie so oft in ihrem Debüt, lässt Elisabeth Rank einiges unerzählt. Lässt den Leser wichtige Dinge nur erahnen. Alles was über die persönlichen Empfindungen und Emotionen der Ich-Erzählerin hinaus geht bleibt wage.  Das hat zur Folge, dass die Identifikation, das Verständnis für ihre Person sehr gut funktioniert (selbst bei mir als Mann).

Ich habe den Roman in wenigen Tagen gelesen. Mögliche wäre es aber ohne Probleme auch an einem Nachmittag. Es ist kein episches Werk, es ist nur ein kleines Buch. Aber es fesselt und dabei kann ich gar nicht so exakt sagen warum. Es wird wohl Elisabeth Ranks Sprachstil sein, ihre Fähigkeit emotionale Stimmungen durch wunderbare Detailbeschreibungen lebendig werden zu lassen. So gelingt ihr ein locker-leichtes Buch über das schwerste, erdrückendste Thema im Leben: Der Verlust eines geliebten Menschen.

Darum will ich dieses Buch jedem empfehlen, der die Fähigkeit hat, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, mit ihnen mit zu fühlen. Sicher werden manche auch ihre Probleme mit der minimalen Handlung und der ausladenden Gefühlsbeschreibung haben. Spannung und Action sind hier selbstverständlich nicht zu finden. Wer bereit ist darauf zu verzichtet hat allerdings einiges zu gewinnen.

Aufmerksam wurde ich auf den Roman, über Elisabth Ranks Blog. Schon seit einiger Zeit fasziniert sie mich dort, mit ihren schönen (nicht immer vollständig zu erschließenden) Texten. Mehrmals wöchentlich veröffentlicht sie teils autobiografische, teils fiktionale Litateraturhappen. Ein Blick lohnt sich. Außerdem lässt sich dort gut ihr Schreibstil antesten, bevor man sich ihren Debüt-Roman zulegt.

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3 Antworten to “Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst”

  1. Joe Says:

    Yeah, ich seh grade, das war der 50. Artikel auf Klapperstrauß!
    Nicht schlecht Kollegen!

  2. Kim Says:

    Und das hier wird der 56. Kommentar! Yay! Übrigens: die erste Buchbesprechung, die nicht von mir kommt. Ich bin regelrecht gerührt.

  3. GigiZink Says:

    Hörts sich sehr gut an. Würde das Buch auch gerne mal lesen.

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