Serj Tankian – Imperfect Harmonies (2010)

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Serj Tankian ist für mich persönlich einer der besten Rockmusiker der Welt. Dementsprechend habe ich sein neues Album „Imperfect Harmonies„, das in diesem September erschien, mit großer Vorfreude erwartet. Sein Name ist euch kein Begriff? Mr. Tankian könnte euch dann wohl eher bekannt sein als Sänger von System Of A Down. Nachdem sich diese Legenden der Rockmusik (zumindest vorübergehend) in zwei verschiedene Projekte aufgesplittet haben und jeweils ihr erstes Album veröffentlichten (Serj Tankian – Elect The Dead (2007) / Scars On Broadway (2008, self-titled), folgt nun also der zweite Streich von Seiten Serjs.

Gleich beim ersten Lied merkt man, wo es lang gehen soll und hört auch schon Unterschiede zum Vorgänger. Drei signifikante Elemente: weniger Mainstream, mehr Elektro, Streicher. Mit diesen Begriffen lassen sich die gröbsten Neuerungen im Vergleich zu Elect The Dead auf den Punkt bringen. Aber nun erstmal der Reihe nach.

Weniger Mainstream: Auch für den geschulten Hörer (als den ich mich mal definieren möchte) ist es bei vielen Songs nicht einfach, sich sofort einen klaren Überblick über die jeweilige Struktur zu verschaffen. Von wegen Strophe, Refrain, das mal zwei, C-Part, Ref – denkste, Puppe! Serj hält sich hier an kein festes Schema (zumindest meistens), sondern fügt verschiedene Parts zusammen, sodass die Radiosender dieser Welt sich die Haare raufen dürften. Der Vorteil an der Sache: Für Musikfreunde ist die übliche Analyse der Songs diesmal besonders interessant; und generell kann ich nur befürworten, etwas Neues und weniger Populäres auszuprobieren. Der Nachteil: Insgesamt dürfte das Album für weniger Leute zugänglich und auch ansprechend sein. Außerdem gibt es deutlich weniger catchige Medodien als beim ersten Album. Während man hier jeden Refrain spätestens nach dem dritten Lauschen mitträllern konnte, braucht man dafür diesmal schon ein wenig länger… wobei man sich die Songs auf diese Weise aber auch nicht so schnell überhört.

Mehr Elektro: Viel mehr als eben dies gibt’s auch nicht zu sagen. Bei Elect The Dead wurde fast gänzlich auf elektronische, oder besser gesagt computergenerierte Effekte verzichtet. Das hat sich geändert. Oftmals klicken angenehm weiche Elektro-Beats im Ohr und bereichern die Songs. Damit, liebe Freunde der Diskomusik, meine ich aber keine Uhn-Tiss-Uhn-Tiss-Uhn-Tiss-Baby-Beats, sondern chilligere Rhythmen à la Timberlake. Des Weiteren gibt’s sehr viele Einzelgeräusche, die kaum auffallen aber stilvoll untermalen – besonders im ersten Song „Disowned Inc.“, bei dem es Tankian auf die fast schon übertriebene Spitze treibt.

Streicher: Ich liebe Steicher! Und ich glaube, dass jeder insgeheim Steicher liebt. Und außerdem glaube ich, dass auch der gute Serj neuerdings Streicher liebt, denn während sie auf der ersten Platte im besten Fall Beiwerk waren, spielen die Geigen, Celli etc. nun eine absolut tragende Rolle. Sie treten in fast jedem Lied auf den Plan, und zwar deutlich lauter und auffälliger als es normalerweise bei Rockproduktionen der Fall ist. Entweder umspielen sie die Gesangslinie, setzen eigene Melodien oder untermalen einfach im Hintergrund. In jedem dieser Fälle kann ich nur den Hut ziehen; ohne das Gestreiche wäre das Album vielleicht nur halb so gut. Es sorgt nicht nur für zusätzliche Harmonien und größere Klangfülle, sondern verleiht es einigen Songs auch einen wahrhaft epischen Charakter – Daumen hoch!

Das mag sich nun nach viel Lob anhören. Soll es auch. Aber es gibt auch einige Ansatzpunkte, die ich nicht so gut heißen kann. Es gibt mir beispielsweise nicht genug wirklich herausragende Songs. Neben den herausragenden Titeln mit den Nummern 2, 3, 5, 10 gibt es viel Durchschnittswerk. Um das Zahlen-Wirrwarr nachzuvollziehen, hier erstmal die Tracklist:

01 – Disowned Inc.
02 – Borders Are…
03 – Deserving
04 – Beatus
05 – Reconstructive Demonstration
06 – Electron
07 – Gate 21
08 – Yes, It’s Genocide
09 – Peace Be Revenged
10 – Left Of Center
11 – Wings Of Summer

Der schon erwähnte erste Song der Platte ist ebenfalls ganz gut und vor allem vielschichtig. „Beatus“ auf Position 4 ist ebenfalls ein guter Song, der zwar einigermaßen eintönig aber doch sehr stimmig ist. Alle restlichen Lieder können mich nicht mehr vom Hocker hauen. Das liegt vor allem daran, dass Tankian schonmal drei Werke gebastelt hat, die kaum zu unterscheiden sind: kein Beat und sehr ruhig. Irgendwie erwartet man ja auf jedem Rockalbum eine Ballade; doch gleich drei (7, 8, 11) sind mir einfach zwei zu viel. „Yes, It’s Genocide“ ödet mich schon vom Namen an, da Tankian das Thema des Völermords jetzt konstant seit einem gefühlten Jahrhundert in seinen Texten thematisiert. Außerdem ist es in Armenisch verfasst – ob dies eher pro oder contra ist, muss jeder für sich beurteilen. Zum einen mal ganz was neues (zumal auch das musikalische Thema schön ist), zum anderen komplett unverständlich und nicht mitsingbar. Zu den Nummern 6 und 9 ist nicht mehr zu sagen als völlig unauffällig und in keiner Weise herausstechend. Das absolute Juwel auf Imperfect Harmonies ist für mich die Nummer 10: „Left Of Center“. Jeder Part des Liedes ist absolut erstklassig; für solche Songs liebe ich Serj Tankian eben. Weil er orientalische – oder genereller gesagt verschiedenste Musikrichtungen – mit Rockmusik und seiner markanten Stimme kombiniert. Hört’s euch ruhig mal an im nachstehenden Clip.

Stimmlich und auch instrumental gibt es erwartungsgemäß nichts zu mäkeln. Tankian demonstriert wieder mal mit Bravour seinen gewaltigen Stimmumfang und „improvisiert“ ab und an auf einem sehr hohen Niveau. Lediglich manche Stimmdoppelungen sind nicht ganz synchron – vermutlich ist das aber bewusst so eingesungen. Es bleibt also festzuhalten, dass Imperfect Harmonies ein Album ist, dass im Niveau der einzelnen Lieder schwankt. Es gibt klasse Songs, für die sich der Kauf bereits lohnt; im Kollektiv reicht es aber wohl nicht an den Vorgänger heran. Für Fans und interessierte Musiker möchte ich das Teil uneingeschränkt empfehlen. Und eigentlich auch generell jedem, der auf Tankian oder System Of A Down steht. Denn nur weil es Schwankungen zwischen den Liedern gibt, heißt das ja nicht, dass einige von ihnen schlecht sind – sie sind einfach nur nicht so hervorragend. Ach, Moment mal, wieso gibt’s eigentlich wieder nur elf Songs???

8 von 10 goldenen Klappersträußen

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