Stone Sour – Audio Secrecy (2010)

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Der unbedarfte Zuhörer vermag kaum einen Zusammenhang zwischen dem ultra-aggressiven Nu Metal von Slipknot und dem melodischen Hardrock von Stone Sour herzustellen. Dass Frontmann und Sänger Corey Taylor eine unglaubliche Spanne an Stilen mit seiner Stimme abdecken kann, überrascht nach dem Debüt von „Stone Sour“ (self-titled) niemanden mehr, was aber nicht bedeutet, dass es weniger beeindruckend ist.

Nach besagtem starkem Debüt und der herausragend guten zweiten Scheibe „Come What(ever) May“ liegt nun seit einigen Wochen das dritte Album „Audio Secrecy“ im Schaufenster des Plattenladens unseres Vertrauens.

Oder im Mediamarkt halt.

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Meine Erwartungen sind hoch. Zwischen den ersten beiden Alben konnte ich einen deutlichen Qualitätssprung wahrnehmen; und wenn zwischen dem zweiten und dritten die Verbesserung ähnlich hoch ist, ist diese Platte der Killer.

Nun denn, an die Arbeit:

„Mission Statement“ ist ein fieser Midtempo-Stampfer, der die Gefilde des Hardrock nur peripher berührt, eigentlich ein klassischer Metal-Track ist. „Digital“ wartet mit interessanten Gitarrenmelodien auf, ist ansonsten aber eher unspektakulär.

Nach diesen zwei härteren Openern schraubt „Say You’ll Haunt Me“ die Lautstärke und den Gain (anfangs) etwas runter, um der außerordentlichen Stimme von Taylor genügend Platz zu geben. Schon beim ersten Hören packt dieser Track zu und lässt nicht mehr los.

„Dying“ ist eine eher ruhige Nummer, die beunruhigend nach 3 Doors Down, Creed oder ähnlichen Vertretern des künstlichen Alternative klingt.

If I can’t live without you

But I can’t breathe when I’m with you

What are we really doing here?

Das geht besser. Schon tausendmal gehört, sowohl was Lyrics als auch Musik angeht. Nicht, dass es schlecht umgesetzt ist, es ist einfach offensichtlich uninspiriert.

„Let’s Be Honest“ schleppt sich anfangs ziemlich dahin, was sich im Laufe des Songs aber gibt, vor allem dank der härteren Bridge und den slipknotesken Growls.

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Es müssen nicht immer Masken sein.

„Unfinished“ treibt viel mehr an als sein Vorgänger und hookt auch ziemlich mit seinem melodischen Chorus. So stelle ich mir Hardrock vor. „Hesitate“ ist leider das genaue Gegenteil: Kitschiger Text in Verbindung mit einem Song, der auch von One Republic oder ähnlichen Plastikpopbands („Guck mal, Mama, ich spiele Gitarre im Fernsehen!“) kommen könnte. Was zur Hölle geht bei den Balladen schief? Ich gebe gerne und immer wieder zu, dass ich mir auch Schnulzen geben kann, aber bitte keine so offensichtlich herz- und leidenschaftslosen. Und nur weil man am Ende die Bassdrum in Achtel tritt, muss das nichts mit Rock zu tun haben.

Damn. Demnächst auf fucking SWR3.

„Nylon 6/6“ fängt da schon hoffnungsvoller und teilweise fast schon progressiv an. Dieser abwechslungsreiche und etwas schwerer zugängliche Song lässt mich schon fast die Abomination „Hesitate“ vergessen.

Mit „Miracles“ bietet „Audio Secrecy“ einen weiteren ruhigen Song. Sehr entspannt und zurückgelehnt, steht er doch im krassen Gegensatz zu „Dying“ und „Hesitate“ – in der Qualität des Textes, des Songwritings, der ganzen Attitüde.

I’ve known your black and white intentions

And there’s no room for shades of gray

I never asked you to conform to me

I only begged for you to stay

Welten besser als das peinliche „I can’t live without you“-Rumgeheule anderer Tracks.

„Pieces“ ist nicht herausragend, überlässt aber den Vocals den großen Auftritt – und das kann bei einem solchen Sänger nie ein Fehler sein. „The Bitter End“ dreht dann wieder ordentlich auf, was meines Erachtens an dieser Stelle des Albums auch bitter nötig ist. „Bitter“ nötig. Was bin ich doch ein Schelm!

Mit brüchiger Stimme stimmt Corey Taylor „Imperfect“ an. Das Risiko, mit der Häufung an ruhigen Tracks die Fans der härteren Gangart zu verschrecken, ist bei derart guten Tracks aber einerseits überschaubar und andererseits wert einzugehen. Wohltuend unpathetisch und trotzdem emotional bieten Stone Sour hier eine starke Akustikballade.

Schon wieder Akustikgitarren? Ja, aber bei „Threadbare“ spielen sie nicht die Hauptrolle. Der Bass knurrt, und auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – Corey Taylor haut wieder feine Vocals raus. Gott, bin ich neidisch. Doch „Threadbare“ weiß auch zu überraschen: Mit donnernden Drums und harten Riffs steigert es sich weiter in eine melodische Bridge, nur um wieder den Hintergrund für Taylors Shouts zu bieten. Einer der stärksten Tracks auf dem Album.

Riffgetriebenen Uptempo-Hardrock hat „Audio Secrecy“ bisher fast vollständig vermissen lassen. „Hate Not Gone“ hilft da aus. Und heureka, mit dem ersten „Fuck“ der Platte.

Ich weiß nicht, ob es im Sinne der Abwechslung geschieht, aber das ständige hin und her zwischen harten und ruhigeren Tracks geht mir ziemlich auf die Nerven. Es klingt zu bemüht, nicht organisch genug. Ich will nicht nach „Hate Not Gone“ einen Filler wie „Anna“ hören, nur damit sich die Platte abwechslungsreich anhört. Ja, natürlich, es kann auch ruhigere Songs als „Anna“ geben, aber der halbe Takt mir Double Bass-Geprügel ist schlichtweg überflüssig in diesem eher melodischen Lied.

Folgerichtig versucht der letzte Track „Home Again“ eine Balance zwischen diesen beiden offensichtlichen Tendenzen des Albums zu finden. Nicht zu hart, nicht zu soft. Gottseidank gelingt das.

„Audio Secrecy“ hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Vielleicht ist es der Schreck über lächerlich schwache Songs wie „Dying“ oder „Hesitate“, die unnatürlich und unpassend wirken, aber die Platte ist in meinen Augen ein Qualitätsabfall gegenüber dem Vorgänger. Natürlich ist es schwer, ein solches Niveau zu halten, aber „Audio Secrecy“ wirkt an vielen Stellen zu durchgeplant, zu perfekt, zu bemüht, als dass es einfach simpel und gut klingen kann.

cwm

Bleibt (noch) unübertroffen: Der Vorgänger "Come What(ever) May".

Natürlich ist die Qualität der Songs, einzeln gemessen, überdurchschnittlich hoch. Letztlich sind auch die beiden von mir erwähnten Hasssongs besser als das, was Konkurrenten in diesen Musikgefilden abliefern. Nichtsdestotrotz wirkt diese Scheibe weniger wie ein Album als wie eine lose Ansammlung von grundsätzlich verschiedenen Songs.

Die Reihenfolge der Lieder ist klug gewählt; ich kann mir aber nicht vorstellen, wie das Album ohne diese Reihenfolge funktionieren kann. Denn einige der Songs sind sich vielleicht zu ähnlich, so dass man im Shuffle-Modus von „Audio Secrecy“ schnell die Schnauze vollhat. Zugegeben, das kann daran liegen, dass ich das Album noch nicht so intensiv gehört habe, aber der Verdacht drängt sich mir deutlich auf.

Bei aller Meckerei: Mit Songs wie „Say You’ll Haunt Me“, „Nylon 6/6“ oder „Threadbare“ haben Stone Sour echte Volltreffer abgeliefert. Musikalisch tadellos und an vielen Stellen durchaus inspiriert und interessant, kann man bei allen Kritikpunkten nicht behaupten, dass „Audio Secrecy“ ein schlechtes Album ist. Über einzelne, schwache Songs kann man hinwegsehen, über eine gewisse Popattitüde auch.

Ich bin gespannt, wie viele der Songs ins Live-Repertoire der Band aufgenommen werden. Die „Come What(ever) May“-Tour, die ich damals in Köln erlebt habe, schien mir musikalisch jedenfalls ein voller Erfolg zu sein.

Folglich fällt mir auch die Bewertung schwer. Ich wünschte mir, das Album wäre etwas kürzer und dafür intensiver geworden. Also vergebe ich

79 Prozent

wegen der erwähnten Mängel, die bei einer ansonsten so starken Band eben eher ins Gewicht fallen als bei solchen, bei denen man sowieso nichts mehr erwartet.

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2 Antworten to “Stone Sour – Audio Secrecy (2010)”

  1. Christian Says:

    Hey, recht gute Einschätzung, aber ich würde die Lyrics der Songs mehr in den Vordergrund legen, denn diese regen einen wirklich zum nachdenken an, sind gut durchgedacht und passen super zum instrumentalen darunter…Außerdem die interpretative Ebene der meisten Songs(vor allem der ruhigen) und der super Metaphern, die einen eigentlich umhauen(„little supernovas in my head“)
    Aber sonst gut gemacht ;)

    • Kim Says:

      Diese Metapher haut mich jetzt nicht um. Natürlich schreibt Taylor im Vergleich mit einem großen Rest der Szene gute Texte, aber gerade Come What(ever) May hat mich da mehr beeindruckt.
      Aber sonst danke.

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