Stephen King – Christine (1983)

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Obwohl „Christine“ zu den wohl bekanntesten Romanen von Stephen King zählt, habe ich es noch nicht gelesen – und das, obwohl mein Bücherregal überquillt vor King-Büchern.

Im Bahnhofsbuchladen schrie es mich also an. Das Buch, meine ich.


Ich habe die deutsche Übersetzung von Bodo Baumann gelesen.

Arnie Cunningham ist der geborene Loser: Klein, picklig, schwach, herausragend in nichts, das auffallen würde. Was er beherrscht, ist Automechanik. Dass die (von Stephen King wieder extrem grausam dargestellten) Mitschüler ihn nicht zu Tode prügeln, verdankt er seinem besten und einzigen Freund Dennis Guilter. Er ist Arnies Zerrbild (und das kann nur positiv gemeint sein): Beliebt, groß, stark, Footballer, Frauenschwarm.

Als Arnie und Dennis eines Abends von der Arbeit beim Straßenbau –  halt, das muss sein:

Working on the highway laying down the blacktop
Working on the highway all day long I don’t stop
Working on the highway blasting through the bedrock

– Bruce Springsteen, dessen Songs ständig und unangekündigt in mein Bewusstsein dringen, was bisweilen eher störend als nützlich sein kann, besonders, wenn ich mal keine Musik rezensiere, sondern Bücher, also normalerweise nichts mit seinen Platten vergleichen kann

Als sie jedenfalls von der Arbeit zurückfahren, sehen sie einen alten Plymouth Fury, verrostet und verkommen, vor einem gleichfalls verkommenen Haus stehen, mit dem wunderbaren Schild, das ankündigt, dass die Schrottlaube „Zu Verkaufen“ ist.

Für Arnie ist es Liebe auf den ersten Blick. Dennis aber ist schon der Besitzer, ein hasserfüllter, alter Mann unangenehm, und das Auto unsympathisch. Roland LeBay, besagter alter Mann, nimmt Arnie nach allen Regeln der Kunst aus und lässt sich 250 Dollar für einen Haufen Metallschrott zahlen.

Von da an geht alles bergab.

 

Plymouth Fury von 1958

 

Arnie verbringt seine komplette Freizeit mit dem Auto. Seine Eltern, liberale College-Dozenten, die ihren Liebling immer vor allem geschützt und nichts erlaubt hatten, kommen nicht mehr an ihn heran. Dennis sieht Arnie immer seltener. Das Auto scheint einen üblen Einfluss auf ihn einzuüben.

Doch dann scheint sich Arnie ebenfalls zu verwandeln, proportional zur Wiederherstellung des Autos: Sein Selbstbewusstsein wächst, seine Pickel verschwinden. Das hübsche neue Mädchen an der Schule interessiert sich für ihn. Aber unter der Overfläche schwärt es, denn immer öfter verhält Arnie sich hasserfüllt und zornig – ganz wie der alte Besitzer LeBay, der kurz nach dem Verkauf starb.

Nach einer Auseinandersetzung mit den Schulrowdys (die bei Stephen King eher wieder Borderline-Schwerverbrecher sind), wird Christine demoliert. Christine ist, man muss es kaum sagen, der Name des Fury, den Arnie von LeBay übernommen hatte.

Und plötzlich beginnen die Kerle, die den Wagen zerstörten, zu sterben.

Ich will nicht weiter spoilern, denn „Christine“ ist ein ziemlich gutes Buch, eines, das sich lohnt zu lesen. Man erkennt viel von Kings typischen Motiven, die er in späteren Werken verfeinert – mit der kleinen Ausnahme, dass „Christine“ in der Nähe von Pennsylvania spielt. Das Wort „Maine“ fällt kein einziges Mal, was mich ziemlich erstaunt hat. Aber das sind Nebensachen.

King versteht es, den Leser sich ständig unangenehm fühlen zu lassen. Arnies Familie zerbricht, und die heile Fassade von liebenden, wenn auch strengen Eltern, löst sich in Alkoholismus, Hysterie und Verzweiflung auf. Wann immer Hoffnung für Arnies und Dennis‘ zerbrechende Freundschaft aufkeimt, wird sie bald darauf wieder zerstört. Selbst die Tatsache, dass der Vorzeigeloser Dennis den neuen Schwarm der ganzen Schule abkriegt, wird nur wieder zunichte gemacht durch die unheimliche Veränderung, die er durchlebt.

Und hinter allem steht Christine, der Wagen, der sich selbst zu reparieren scheint, und irgendwie den bösartigen Geist seines einstigen Besitzers aufgesogen hat.

 

cdvd

Hier das DVD-Cover des Films. Vollkommen unerheblich für den Artikel, aber ihr Leser braucht ja eure optische Auflockerung. Und die bekommt ihr natürlichauf klapperstrauss.com, der benutzerfreundlichen Website eures Vertrauens!

 

Aber, und das ist das erste Mal, dass ich das von einem King-Roman denke, ist das Buch zu lang.

Bäm. In your face, Gott.

Ich möchte elaborieren: Eines von Kings Trademarks ist die akkurate Beschreibung des Schreckens und der Furcht, die seine Charaktere verspüren. Die scheint sich aber in „Christine“ immer zu wiederholen. Was ich an King schätze, ist, dass er über weite Strecken seiner Geschichten relativ wenig an Handlung in viel an Stimmung umsetzen kann, was ihn in diesem frühen Roman schlecht gelingt. Eine enger verpackter Handlungsstrang würde mehr zu einer dichten Atmosphäre beitragen als eine weitere Episode, in der Dennis hofft, seinen Freund durch die Veränderung hindurch zu retten.

Die Geschichte selbst halte ich für ziemlich einfallsreich. Viele Leute scheinen eine ungesunde Beziehung zu ihren Wagen zu haben, eine Beziehung, die vielleicht in Obsession umschlagen kann. Ich wette, dass Stephen King diese Idee auf seine Weise weitergesponnen hat, und ein mordendes Auto mit eigenem Bewusstsein dabei herausgekommen ist.

SPOILER, damit ich weiter kritisieren kann: Außerdem verstehe ich nicht, ob Christine jetzt wirklich ein eigenes Bewusstsein hat, oder nur LeBays Geist in ihn übergegangen ist. Das kann zwar nicht sein, weil Dennis und Arnie schon vor LeBays Tod ein unangenehmes Gefühl im Wagen hatten, andererseits scheinen Arnies spätere Ausflüge in dem Wagen immer mehr mit LeBay und seiner Lebensgeschichte zu tun haben. Und das ist kein bewusstes „Im-Dunkeln-lassen“, sondern einfach eine Inkohärenz in der Geschichte. There, I said it.

 

Szene aus der Verfilmung von John Carpenter

 

KEIN SPOILER MEHR, ABER WIE COOL IST ES, IN GROSSBUCHSTABEN ZU SCHREIBEN? Interessant ist auch die deutsche Übersetzung, die ich gelesen habe. Normalerweise versuche ich immer, jedes Buch eines englischsprachigen Autors im Original zu lesen, weil in Übersetzungen notwendigerweise ein gewisses Maß an Inhalt verloren geht, aber das lag nun mal auf Deutsch im Laden rum. Jedenfalls versucht der Übersetzer Bodo Baumann, zu der Zeit übliche Redewendungen und Bezeichnungen im Deutschen zu integrieren, um das Ganze organisch wirken zu lassen. Das klappt auch ganz gut, abgesehen von der Tatsache, dass ich nun kaum Redewendungen aus den frühen 80er-Jahren kenne. Auch über kleine Fehler kann man hinwegsehen (ich glaube nicht, dass die Jocks mit ihren Freundinnen „herumalberten“, sondern eher „rummachten“), arg eingedeutscht wirken aber Übersetzungen wie „Pennsylvanien“. Das ist nunmal ein Eigenname eines Bundesstaates. Alles in allem eine der besseren Übersetzungen, die ich von King gelesen habe, trotzdem.

Man merkt „Christine“ an, dass es ein relativ frühes Buch von Stephen King ist. Viele typische Marotten sind schon erkennbar, verständlicherweise noch nicht zu hundert Prozent ausgearbeitet und daher etwas weniger wirkungsvoll. Dennoch ist die Grundidee der Geschichte interessant und die Umsetzung gelungen. Das amerikanische Kleinstadtleben ist wieder ausgesprochen unidyllisch dargestellt und die Abgründe der Menschen wieder sehr tief. Leider ist die Spannungskurve vergleichsweise flach, weil man ziemlich schnell erahnen kann, was passiert – bei einem übermächtigem Gegner wie einem ’58er Plymouth Fury.

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