„The Social Network“ (David Fincher)

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Du kannst keine 500 Millionen Freunde haben, ohne dir ein paar Feinde zu machen

Kaum jemandem dürfte in den letzten Tagen entgangen sein, dass die Kinoleinwände in der ganzen Welt mit „The Social Network“ etwas zu bieten haben, das es so vorher noch nicht gab: Ein Thriller über die Geschichte einer Internetseite. Was erst einmal nicht besonders atemberaubend klingt, bekommt sofort einen ganz anderen Geschmack, wenn man bedenkt, dass hinter diesem sozialem Netzwerk nichts Geringeres als Facebook steckt. Man muss schon fast hinter dem Mond leben, um nicht zu begreifen, dass Facebook inzwischen viel mehr ist als irgendeine kostenlose Internetkontaktbörse. Über 550 Millionen registrierte Benutzer (das sind grob 8 Prozent der kompletten Weltbevölkerung). Passend dazu 70 verfügbare Sprachen. Ein geschätzter Marktwert von 10 Milliarden Dollar. Jeden Monat werden durchschnittlich 4 Milliarden Bilder und 10 Millionen Videos auf die Server des Unternehmens hochgeladen. Doch wem vertrauen wir da eigentlich so bereitwillig all unsere Daten an? Wer steht hinter diesem Weltunternehmen? Ein Name dürfte inzwischen den meisten ein Begriff sein: Mark Zuckerberg. Nerd, Programmierer, Facebook-Gründer und jüngster lebender Self-Made-Milliardär.

Nicht unerwähnenswert ist die Tatsache, dass dessen Leben nun ausgerechnet von David Fincher verfilmt wird. Einem Regisseur der bisher einen Film über ein außerirdisches Monster („Alien 3″), über einen schizophrenen Terroristen („Fight Club“) und über einen psychopathischen Serienmörder („Sieben“) gemacht hat. Mit Mitte 20 hat der unscheinbare Zuckerberg es auf geschätzte 6,9 Milliarden Dollar Vermögen gebracht. Und das in nicht einmal sieben Jahren. Was für ein Charakter muss man sein, um einen solchen Erfolg zu haben? Und was macht ein solcher Erfolg mit deinem Charakter? Sehr spannende Fragen, denen sich der Thriller-Regisseur versucht, in filmischer Form zu nähern. Wer ist dieser Zuckerberg? Was hat ihn dazu bewegt, dieses Projekt zu starten? Wie konnte er all das erreichen? Was musste er opfern auf dem Weg dahin und wie hat ihn das alles verändert? Der Film versucht sich dieser komplexen Thematik mit den Mitteln eines Thrillers/Dramas zu nähern. Erfolgreich ist er dabei nur bedingt.

Links der Falsche (Eisenberg), rechts der Echte (Zuckerberg)

Der Film setzt im Herbst 2003 ein, wenige Monate bevor Facebook zum ersten Mal online geht. David Fincher entscheidet sich für eine intensive Dialogszene zwischen Zuckerberg (Jesse Eisenberg) und seiner Freundin Erica (Rooney Mara) als Opener. Die beiden sitzen sich auf einer Party gegenüber und diskutieren. Schon hier wird deutlich, wo der Film seinen Schwerpunkt setzt. Alles dreht sich um die Charakterisierung des Harvard-Studenten Zuckerberg. Er ist kein einfacher Mensch. Er ist sehr überzeugt von sich und seinen Fähigkeiten. Ein arroganter Nerd sozusagen. Sein großes Ziel ist es, in eine der extrem elitären Studentenverbindungen Harvards aufgenommen zu werden. Alles dreht sich um Ruhm und Anerkennung. Seine Freundin kommt mit Zuckerbergs egozentrischen Art nicht mehr klar und macht Schluss.

Erica kann Mark nicht mehr ertragen

Anschließend folgen wir Zuckerberg zurück ihn sein Wohnheim. Wütend auf seine Freundin betrinkt er sich dort und beleidigt sie in seinem Blog. Von der Frauenwelt scheinbar verstoßen, hat er die Idee für eine Website: Facemash. Dort sollen Studentinnen der Uni nach ihrer Attraktivität bewertet werden. Die nötigen Fotos dafür holt sich der erfahrene Hacker im Handumdrehen von den Servern der Wohnheime. Noch in der selben Nacht verzeichnet die Website über 22.000 Aufrufe. Natürlich kann dies nicht unbemerkt bleiben, und so landet Zuckerberg in einem Disziplinarverfahren der Uni. Doch dieses macht ihn nur zu einer kleinen Berühmtheit am Campus. So werden auch die beiden Winklevoss-Zwillinge auf ihn aufmerksam. Als Söhne eines reichen Elternhauses sind die beiden auf der Suche nach einem lukrativem Geschäftsmodell, mit dem man am besten auch noch gut Frauen kennen lernen kann. Eine Harvard-eigene Internetkontaktbörse schwebt ihnen vor. Das einzige, was ihnen fehlt, ist ein fähiger Programmierer. Ohne zu zögern erklärt sich Zuckerberg bereit. Doch anstatt die Idee der Zwillinge umzusetzen, vertröstet er sie immer wieder, nur um dann am 4. Februar 2004 selbst ein ganz ähnliches Projekt namens „The Facebook“ online zu stellen. Der Rest des zweistündigen Films handelt vom Aufstieg des Uninetzwerks zu einem weltweit agierendem Milliardenunternehmen, Zuckerbergs juristischem Kampf mit den Winklevos-Zwillingen und von Freundschaften, die am harten Geschäftleben zerbrechen.

Noch sind sie beste Freunde, doch bald kommt das Geschäftliche dazwischen…

Fincher inszeniert den Film für seine Verhältnisse recht unspektakulär. Über weite Teile sehen wir einen Justizfilm. Zuckerberg sitzt vor verschiedenen Menschen, die ihn vernehmen. Immer wieder dazwischen geblendet sehen wir seine Geschichte vom erfolglosem Studenten zum Unternehmer. Jede Minute dient nur der Hauptfigur. Jesse Eisenberg erfüllt diese Rolle gekonnt. Im Vorfeld war ich in dieser Hinsicht doch sehr skeptisch, da wir den jungen Darsteller bisher ausschließlich in netten, harmlosen Rollen kannten. Um so mehr beeindruckt er in  der Darstellung des überheblichen Nerds, an dem alle Angriffe abzuprallen scheinen. Doch leider genügt ein großartiger Schauspieler noch nicht für die überzeugende Darstellung eines so komplexen Charakteres. Gegen die Mängel im Drehbuch kann auch Eisenberg nichts ausrichten. Trotz aller Erklärungsversuche kann mich Zuckerbergs Motivation bis zum Ende nicht wirklich überzeugen. Was treibt ihn dazu dieses Unternehmen so bedingungslos nach oben zu pushen (wenn es nicht das Geld ist, wie erst selbst betont)? Was lässt ihn so abgestumpft werden? Warum lässt er seine Freunde so gnadenlos fallen? In der Charakterzeichnung bleibt doch einiges sehr unschlüssig. Nun könnte man dies als naturalistisch bezeichnen. Doch genau hier liegt schon das nächste Problem. Der Film steckt fest zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite möchte er aufklären, die Realität zeigen, den Menschen Mark Zuckerberg glaubwürdig darstellen. Auf der anderen Seite ist er eben ganz eindeutig ein fiktionaler Film. Der Autor dichtet hinzu und lässt weg. Er biegt sich die Realität so, dass sie in einen Kinofilm ergibt. Beide Herangehensweisen sind legitim, doch in dieser Form stehen sie sich gegenseitig im Weg. Ein authentischerer Film hätte möglicherweise mehr Fragen klären können. Ein fiktiverer Film hätte spannender sein können. So haben wir nun von beiden ein bisschen, aber nichts überzeugt hundertprozentig. Besonders deutlich wird dieses Problem in der Dramaturgie. Dem Film gelingt es über weite Teile hinweg zu fesseln, indem er sich einer dramaturgischen Erzählweise bedient. Doch am Ende führt er diese Spannung zu keinem Ende, da er sich eben doch an die Realität hält. Darum ist auch der Anfang des Films der stärkste Teil, wohin gegen dem Ende etwas zu fehlen scheint.

Zuckerberg lässt sich auch von Anwälten nicht einschüchtern

Trotz all dem unterhält der Film einfach sehr gut. Die Schauspieler können druchweg überzeugen. Selbst Justin Timberlake als zweifelhafter Napster-Erfinder fällt nicht negativ auf. David Fincher inszeniert visuell und erzählerisch wie gewohnt auf höchster Ebene. Ihm ist es zu verdanken, dass der Film fast immer fesselt, obwohl wir die meiste Zeit nur Menschen zuhören, die über eine Internetseite diskutieren. Ich habe keine Ahnung vom Programmieren oder Hacken, aber ich habe mir aus sicherer Quelle bestätigen lassen, dass der Film in dieser Hinsicht authentisch ist. Trotzdem muss man kein Computernerd sein, um das Thema spannend zu finden.

Am Ende kommt man dann aus dem Kino mit dem Gefühl, gut unterhalten worden zu sein. Vielleicht sieht man sogar Zuckerberg und Facebook etwas kritischer. Aber später setzt man sich dann, wenn man zuhause ist, doch wieder an seinen Laptop und checkt, was die Freunde in der Zwischenzeit so getrieben haben. Auf Facebook natürlich.

Ausgerechnet der Musiker Justin Timberlake spielt den Napster-Erfinder Sean Parker

Der Film wird sicher nichts in den Facebooknutzern verändern. Dazu klärt er die kritischen Fragen zu dürftig und stellt Zuckerberg auch irgendwie zu harmlos dar. Aber seinen eigentlich Zweck erfüllt der Film wunderbar: Er unterhält seine Zuschauer für zwei Stunden. Und das nicht schlecht.

Dafür gibt es dann auch wohlwollende 7 von 10 goldenen Klappersträußen.

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4 Antworten to “„The Social Network“ (David Fincher)”

  1. Kim Says:

    Nette Rezension.
    Aber hab ich was verpasst? Plötzlich bin ich der einzige, der noch Prozente vergibt statt Goldenen Klappersträußen. Damn.
    Ich brauch mehr Abstufungen!

  2. Joe Says:

    Sorry, aber ich hab ja auch noch nie Prozent vergeben. Ich bin nämlich einfach überfordert mit mehr als 10 Stufen :D
    Aber machs doch einfach wie du willst. Anarchie!

  3. Timo Says:

    wie geil, goldene klappersträuße :D also bei spielen bewerte ich weiterhin mit prozenten, weil ich da die referenzen habe. ansonsten werd ich diese kleinen funkelnden vögelchen benutzen ;)

  4. Die Golden Globes 2011 – Kurz kommentiert « Klapperstrauß – Platten, Filme, Games und Bücher. Popkultur. Says:

    […] verdient. Eindeutig ein Highlight des Jahres und zu Recht mit 7 von 10 goldenen Klappersträußen ausgezeichnet. Trotzdem liegt bei mir „Inception“ eindeutig noch ein Stück davor. Naja, […]

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