The Omnilistener’s Dilemma

by

Musik hören ist heute ein ganz anderer Vorgang als noch vor, sagen wir, zehn Jahren.

Ich besitze eine ganze Menge CDs, für die ich für meine Verhältnisse auch eine ganze Menge Geld ausgegeben habe. Allein: Ich höre sie mir nicht an. In meiner Bude habe ich nicht einmal einen CD-Player, mein Laptop hat kein Laufwerk.

Eine CD zu kaufen, heißt, Vertrauen in den Künstler zu haben, da man ja schließlich fast 20 Euro für sein Werk zahlt. Und seien wir ehrlich, meistens sind diese CDs keine 20 Euro wert. Nichtsdestotrotz hat es eine ganz andere Qualität, in die Stadt zu gehen, zum Plattenladen (wohl eher zum großen Elektronikfachgeschäft), und sich da eine langersehnte Scheibe zu kaufen, als einfach auf „Download“ zu klicken, die Boxen anzustellen und es sich anzuhören. Kein Cover-Artwork, keine Texte im Booklet, nichts Physisches, nichts, das man sich voller Stolz ins Regal stellen kann, so dass andere Leute diesen erlesenen Musikgeschmack bewundern können. Was soll man heute tun – „hey, ich mach grade mal den Rechner an und zeig dir meine MP3-Sammlung“?

 

Elac-Werbung aus dem Jahr 1973.

Auch die Art, wie man denn dann Musik hört, ist anders. Wenn ich mir eine CD eingelegt habe, habe ich sie durchgehört. Ich kenne den Ablauf der Songs, höre das Ende des einen und weiß genau, mit welchem Intro der nächste beginngt.

Mit dem Computer zu hören, läuft, zumindest bei mir, ganz anders ab. Die Auswahl auf meiner Festplatte ist schlichtweg zu groß, und mich letztlich nur auf eine Handvoll Bands zu beschränken, weil ich bei denen weiß, woran ich bin, ist mehr als kontraproduktiv. Dann folgt die Erleuchtung, und ich stelle ein Album an. Aber weil das Umentscheiden so einfach ist, fehlt mir manchmal die Geduld, über etwaige schwache Tracks hinwegzusehen (hinwegzuhören, vielmehr). Und damit geht mir zumindest etwas ab.

Jaha, sagt man da, was ist denn mit Playlists? Da kann man sich doch das moderne Äquivalent von Mixtapes zusammenstellen, je nach Genre, Stimmung, Künstler, you name it.

Jaha, sage ich da, dazu müsste ich erstmal kommen. Es ist das selbe Problem wie beim Hören: Die Masse an Musik auf meinem Rechner erschlägt mich. Daraus erstmal eine Playlist zusammenzustellen, überfordert und, nicht zuletzt, langweilt mich. Ein Teufelskreis: Denn in Konsequenz langweilt mich auch so das Musikhören, weil es immer der selbe alte Kram ist.

Ich brauchte eine Veränderung. Es konnte so nicht weitergehen, denn pathetisch gesprochen ist mir Musik zu wichtig, um zum Hintergrundgeräusch zu verkommen. Es ist vielleicht nicht angebracht, in unreflektierte Nostalgie auszubrechen, nur weil ich endlich einen Plattenspieler habe. Dennoch: Wow, ich habe einen Plattenspieler. Die guten alten Zeiten der guten Musik sind wieder da, oder zumindest ihr Symbol. Dass in den langen Jahren der Existenz von LPs eine wohl erschlagende Masse an Müll auf Vinyl gepresst wurde, übersehe ich dabei einmal wohlwollend.

Mein wunderhübscher Elac 161, made in West Germany.

 

Jedenfalls habe ich den allerersten Plattenspieler meines Vaters aus seinem Elternhaus ausgegraben und restauriert. Und mit restauriert meine ich, dass ich ihn aufgeschraubt, zerlegt, zusammengebaut, wieder zerlegt, das Netzkabel zerstört, meinen elektronisch begabten Kumpel das Netzkabel zu reparieren genötigt, den Versuch, den Nadelarm zum Laufen zu bekommen aufgegeben und mir die Hände mit Öl versaut habe. Dennoch – ich bin in meinen brandneuen, uralten Elac 161 HVK Stereo (fucking Stereo!) verliebt (unglücklicherweise nutzt mir Stereo reichlich wenig, weil eines der Lautsprecherkabel defekt zu sein scheint. Also: fuck yeah, Mono! Wie authentisch bin ich bitte?).

„Gottverdammtes Scheißteil!“

– Meine Wenigkeit

Aber hey, er spielt Platten! Was für ein Gefühl. Wusstet ihr, dass es dieses Geräusch, wenn die Nadel seitlich von der Platte abgezogen wird (das man heute höchstens noch in Filmen als Stilmittel hört) tatsächlich gibt? Ich hatte daran gezweifelt. Und die Soundqualität! Immer hatte ich die Stirn gerunzelt, wenn ich irgendwelche selbsternannten Audiophilen habe schwärmen hören, wie überlegen der analoge Sound gegenüber dem digitalen sei. Und siehe da – sie haben Recht! Ich weiß nicht, woran es liegt. Vielleicht an diesen ultrastylischen 7,5-Watt-Boxen, die nichts sind als ein Holzkasten und ein Speaker. Aber dafür, dass der LP-Player fast 40 Jahre alt ist, flasht mich der Sound ziemlich derbe.

 

Rück - und Vorderansicht: Weniger dekorativ als praktisch.

Ich hoffe, dass dieses Schmuckstück mein Hörverhalten verändert. Das bewusstlose Durchrauschenlassen von Massen an Musik, die man aufwands- und schier endlos auf seinem PC abspielen kann, geht mir schon seit längerem auf die Nerven. Letztlich ist man durch die technischen Beschränkungen der analogen Technik überhaupt nicht beschränkt.

Wenn man denn Platten hat. Natürlich werde ich die Sammlung meiner geschätzten Eltern plündern (die, ich muss es zugeben, einige sehr hörbare Scheiben im Angebot haben), aber was mache ich, wenn mich der Rolling Stone in ein paar Jahren fragt, was meine erste Platte war? Ich bringe es nicht über das Herz, dann ehrlich mit „Just The Best 2/1999“ oder so zu antworten. Deshalb – tatata! – ging ich in den einzigen Laden in dieser jämmerlichen Stadt, der LPs verkauft, so dass ich „Platte“ wörtlich nehmen und von meiner ersten Schallplatte berichten kann. Desolaterweise ist der erwähnte Laden der Moloch des Elektrokonsums, der Abyss der Ahnungslosigkeit, das Fegefeuer des Musikgeschmacks – besser bekannt als Mediamarkt.

Und siehe da, unter der mehr als kruden Mischung aus hemmungslos überteuerten Platten (34 Euro für ein Doppelalbum? Also bitte) konnte ich einen Schatz, wenn auch keine Rarität, für einen halbwegs angemessenen Preis erbeuten. Und wenn ich dann gefragt werde, was meine erste Platte war und wie alt ich damals gewesen bin, murmele ich ein (hoffentlich unverständliches) „21“ und ein weitaus deutlicheres „American Slang“ von The Gaslight Anthem.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

3 Antworten to “The Omnilistener’s Dilemma”

  1. Flo Says:

    Du hast einen deiner alten Beitrage verwertet. Der Text kommt mir stellenweise so bekannt vor. ^^

    Aber nice, das ist fast ansteckend…

  2. Kim Says:

    Ja, stimmt, aber nur teilweise. Aber immerhin scheine ich Texte zu schreiben, die im Gedächtnis bleiben. Ganz anmaßend nehme biege ich mir das mal als Kompliment zurecht.
    Und ich kippe kein Silikon auf meine allererste LP!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: