Coming Clean

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Ich schätze, man kennt das. Diese Leute, die immer total individuell sein wollen. Kein H&M, kein McD, keine Musik aus den Charts. Zumindest zu der letzten Gruppe zähle ich mich auch.

Ich gebe mir wirklich Mühe, mich musikalisch weiterzubilden. Ich habe mich ernsthaft für Grunge begeistert, und zwar so authentisch, dass ich Nirvana verachte, dafür aber Bands wie die Screaming Trees höre. Dass Grunge lebendig war, als ich noch nicht stubenrein war, muss damit ja nichts zu tun haben. Ich versuche, die Faszination hinter den Smiths oder den Replacements oder den Pixies zu verstehen. Ich will sperrige Musik wie Tool, Neo-Folk wie Iron And Wine oder Indie wie die Shins (aber um Himmels Willen keine Killers oder Mandio Diao),  kann mit dem ganzen modernen langweiligen „We’re at the club, the party is up, bitches around, we’re grindin‘ it down“-HipHop nichts anfangen, aber mit Public Enemy, die wenigstens noch etwas zu sagen hatten.

Aber: Ich muss es tun. Ich muss mich der Wahrheit (und der Teilöffentlichkeit des Internets) stellen. Ich werde all jene Bands nennen, die so furchtbar gewöhnlich, poppig, egal und mir so furchtbar peinlich sind, die ich aber trotzdem furchtbar gerne höre. Ich habe kein Recht, judgmental zu sein, denn es ist ein schamvoller Weg, aber ich muss ihn gehen (und hebt mich das nicht wieder von der Masse der “ich-höre-nur-Musik-deren-Namen-niemand-kennt”-Hipster ab? Anti-anti-anti, und auf einmal bin ich wieder individuell?). Es liegt wohl nicht an mir, das zu entscheiden.

(Das hier ist die überarbeitete und erweiterte Version eines Artikels, den ich schon einmal auf meinem weitestgehend inaktiven eigenen Blog veröffentlicht hatte.)

Ich fange wohl am besten mit dem Schlimmsten an. Zu Zeiten meiner Geburt und davor gab es eine Menge Bands, deren Frontmänner die gleiche  Frisur hatten wie meine Mutter damals. Es ist die Zeit des Glam-Metal, des Cock-Rock – und ich stehe drauf. Guns N’ Roses darf ich ja wohl gut finden – aber Bon Jovi? Der Traum der Schwiegermütter, die Stadionposen, die kitschigen Texte, die pathetischen Balladen, der Pop-Metal? Zu meiner Verteidigung weiß ich vorzubringen: Ich finde Bon Jovi nur bis circa 1995 gut. Als sie praktisch also aufgehört haben, Stadionrock zu machen und sich lieber in die Gefilde der SWR3-Hörercharts begeben haben, als die Melodien flach und die Texte noch flacher wurden, als sie ohnehin schon waren. Nichtsdestotrotz – ich glaube, ich mag Bon Jovi etwas zu sehr, um glaubhaft über Musik sprechen zu können.

Ins gleiche Schema, aber in gottseidank geringerem Ausmaß passen Foreigner, Journey, REO Speedwagon und Whitesnake. “I Want To Know What Love Is”, “Don’t Stop Believin’”, “Keep On Loving You”, “Is This Love” – ja, da zeichnet sich etwas ab. Denn, um das Ganze noch schlimmer zu machen, am Glam-Rock gefallen mir am besten die (neutral betrachtet zurecht) mit Verachtung gestraften Power-Balladen. Aber genug davon.

Es kann nie genug Power-Balladen geben.

Verglichen mit Zach de la Rocha sind Fred Dursts und Mike Shinodas Texte inhaltlich und stilistisch ein Witz – ganz zu schweigen vom Schema-F-Wutausbruch im Chorus eines jeden Linkin-Park-Songs der ersten beiden Alben. Denn mit falscher Wut hat es Linkin Park ja besonders. Dass sich diese Wut immer hinter leeren Phrasen und nichtssagenden Lines versteckt, so dass man effektiv keine Ahnung hat, gegen welches diffuse Gefühl (Einsamkeit? Depression? Aggression?) sich der aktuelle Text richtet, macht das ganze nur noch schlimmer. Die seltsamen Pop- und Elektro-Experimente der letzten Jahre haben Linkin Park aber für mich nun endgültig in die Versenkung verschwinden lassen. Und doch – ich höre mir Linkin Park ganz gerne mal an. Sie sind gut produziert, liefern anständige Hooks. Sollte das jemand sagen, der Musik mag?

Und Limp Bizkit? Hier sind die Texte vielleicht nicht ganz so ausdrucks-, dafür aber umso mehr sinnlos. Und Dursts Reime haben ein lyrisches Niveau, das der HipHop wahrscheinlich nach wenigen Monaten seines formellen Bestehens überschritten hatte.  Und wenigstens nehmen sich Limp Bizkit sich nicht so furchtbar ernst. Und damn, wie geil finde ich sie? Kritiker haben sie seit ihrer ersten Stunde zerrissen, und bei aller Liebe sollte man die Durchhänger in der Diskografie nicht verschweigen, aber wer die Kombo einmal live gesehen hat, gesehen, wie die Crowd schlichtweg ausflippt, kommt so schnell nicht mehr weg davon.

In diesem Zusammenhang sollte auch 4LYN nicht unerwähnt bleiben. Musikalisch eine astreine Kopie der damaligen Überschwemmung an NuMetal-Bands, die aus den  Staaten zu uns geschwappt ist, mit Raps, die zwar meistens irgendwie Flow haben, textlich leider ganz schön mies sind. Und die Reime? Englisch-LK-Lyrik, in meiner bescheidenen Ansicht. Trotzdem in den Top 20 meiner Last.FM-Liste. Unerklärlich.

Es gab Leute, die so etwas als Wallpaper hatten (ich nicht!).

Ich fühle meinen Indie-Cred in ungeahnte Tiefen versinken. Hatte ich welchen in the first place?

Ähnlich sieht es mit Neo-Grunge aus. Allein die Tatsache der Existenz dieser Bezeichnung spottet jeder Erklärung. Grunge wird im Allgemeinen so eng mit dem Lebensgefühl der Generation X erklärt, dass es schon einer Generation Y bedürfte, um Neo-Grunge eine Daseinsberechtigung zu bieten, weil die 20-jährigen Jungs, die so frustiert waren, jetzt 40 sind und Familienväter. Wenn man mit Grunge aber nur einen Musikstil meint, so hat er sich irgendwie erhalten. Am erfolgreichsten sind da wohl Nickelback. Wenn ich jemals ein Lied gehört habe, das die künsterische Integrität einer Band komplett zerstört hat, dann ist es “How You Remind Me”. Und das hat es getan, indem es durch seinen wahnwitzigen Erfolg die Blaupause für alle nachfolgenden Singles von Nickelback geliefert hat. Aber auch hier gilt, dass es nichtsdestotrotz, für sich betrachtet, kein schlechter Song ist. Und zumindest “Silver Side Up” und “The Long Road” haben genügend radiountaugliche Songs, um eine gewisse Authentizität zu wahren, ganz im Gegensatz zu dem zu CDs gepressten Müll, den sich Nickelback erdreistet haben, ihre Nachfolgealben zu nennen. Ähnlich, vielleicht etwas härter, und zu meiner Ehrenrettung ungleich weniger bekannt, sind Seether. Man kennt sie vielleicht von “Broken”, und das ist ein Fehler. Nichts besonderes, keine songwriterische Qualität, aber es hat irgendwas. Und ich steh drauf. Auch wenn es so beliebig ist. In diesem Zusammenhang: Meine Begeisterung für Three Days Grace und Breaking Benjamin hat, und ich danke mir selbst auf Knien dafür, nur denkbar kurz gehalten – denn wenn Nickelback die untere Schiene des Mainstream-Pop-Grunge sind, sind die beiden es für College-Pop-Grunge.

Finde ich ernsthaft gut. Da hast du’s, Jesus!

Ich glaube nicht, dass Manowar mich überhaupt zum Fan haben wollten. “If you’re not into Metal, you are not my friend” – obwohl ich into Metal bin, glaube ich kaum, dass Joey de Maio viel von As I Lay Dying oder 36 Crazyfists halten würden. Jedenfalls ist Manowar so lächerlich überzogen true, so unfähig zu jeder Selbstironie, so versichert davon, die einzigen zu sein, die überhaupt Metal spielen, dass ich sie dafür einfach bewundern muss. Wenn sie selbst als größte Poser der Szene Poser derart beschimpfen, ist das eben nicht Fähigkeit zur Selbstkritik, sondern ein Zeichen ihres Realitätsbildes. Aber hey, die Musik ist echt nicht schlecht, wenn man sich damit abfinden kann, dass jeder Text mit verschiedenen Konjunktionen die Worte “battle”, “fight”, “steel”, “sword”, “die” und “kill” zu verbinden sucht. Oder wenn man gerade das an Manowar mag.

Meine wahre Motivation für diesen Artikel: Ich wollte dieses Bild posten.

Und wenn wir grade bei großen Posen und pathetischen Texten sind: Meat Loaf. Es ist mir nicht ernsthaft peinlich, zuzugeben, wie sehr ich die ersten beiden „Bat Out Of Hell“-Alben liebe, weil ich, wenn ich es erwähne, mich sofort überstürze mit Erklärungen. Der Kitsch, die überzogene Romantik? Alles Stilmittel. Die schmalzige Musik? Nur zur Unterstützung. Tja, naja, wenn also alles nicht ernst ist – warum dann so konstant? Ich gebe es einfach zu: Manchmal brauche ich Kitsch.

Aber was mir ganz besonders unangenehm ist: Schlechter Metalcore. Besonders unangenehm ist mir das, weil ich selbst weiß, dass ich daran nicht die Musik als solches schätze, sondern nur den Effekt. Brutalstmögliche, monotone Breakdowns sind nun mal das Beste, um Stress abzubauen. Und wenn der ganze Song nur aus geschätzten drei Tönen besteht, umso besser. Und wenn ich den Shouter beim besten Willen überhaupt nicht mehr verstehe, umso besser; denn so bleiben mir wenigstens die lachhaften Teenager-Herzschmerz-ich-flirte-mit-dem-Suizid-Texte der beohrringten Enge-Jeans-Träger mit bunten T-Shirts und Justin-Bieber-Frisuren erspart. Bestes Beispiel (und mit „bestes“ meine ich „schlechtestes“): Parkway Drive, dicht gefolgt von Bring Me The Horizon.

Allein schon die Namen, oder?

Man lese sich nur einmal die Kommentare durch, und man bekommt einen Eindruck der Zielgruppe (Tipp: Ich bin es nicht!).

Es gibt eine Menge Musik, die ich insgeheim gutfinde (ich besitze die ersten beiden Avril-Lavinge-Alben, und ja, ich war ein Teenager, aber ja, ich hab sie gern gehört), und es gibt eine Menge Leute, die entweder nicht zugeben, auch mal Charakter zu brechen oder aber so versessen auf ihre Indie-Persönlichkeit sind, dass sie sich selbst davon überzeugt haben, außerhalb ihres Geschmacks existiere tatsächlich keine Platte, die es wert ist, gehört zu werden. Ganz wie diese Leute verachte ich die Aussage “ich höre alles, so querbeet”, aber im Gegensatz zu ihnen schließe ich nicht aus, dass ich mir auch mal etwas aus diesem Querbeet pflücken und gutfinden kann.

In diesem Sinne:

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