The Gaslight Anthem in Neu-Isenburg, 11.11.2010 – Konzertbericht

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Ein wirr gemischtes Publikum war es, das gestern ins schöne Neu-Isenburg gezogen ist, um The Gaslight Anthem zu sehen. Von jungen Menschen mit Metall im Gesicht und Tinte unter der Haut über Grüppchen von Oberstüflerinnen zu Hausfrauen, die sich augenscheinlich zu sehr mit Sendungen wie „Mitten Im Leben“ assimiliert haben – noch nie habe ich auf einem Konzert eine solche heterogene Gruppe gesehen.

Das kann entweder für oder gegen eine Band sprechen. Gegen, weil sie vielleicht einen zu seichten Anspruch haben; so poppig sind, das sie niemandem missfallen, aber auch keinem richtig gefallen. Oder aber sie machen einfach großartige Musik, die durch Alters-, Geschlechts-, Sozioökonmie- und Augenfarbengruppen hindurch gehört wird.

The Gaslight Anthem rechne ich selbstverständlich der zweiten Sorte zu.

Yay, Überbelichtung plus schlechte Kamera ist gleich klasse Bilder!

Mit den Sharks und Chuck Ragan haben Gaslight Anthem auf dieser Tour Support von ihrem eigenen Label Sideone Dummy. Nun ist es so, dass es offensichtlich in Neu-Isenburg Menschen gibt, die sich mit Autofahren nicht so auskennen, es aber trotzdem tun; und darüber hinaus einen Mangel an Parkplätzen. Bottom line: Ich habe die Sharks nicht mehr gesehen.

Dafür aber Chuck Ragan. Außer einem kurzen Besuch auf seiner Myspace-Seite und einem Song auf einem Sampler hatte ich von dem feinen Gentleman kaum etwas gehört, was ich aber tunlichst ändern werde. Chuck Ragan macht essentiell Folk-Musik. Man merkt ihm an, dass er als ehemaliger Sänger der Punk-Band Hot Water Music den Vocals-Style immer noch verinnerlicht hat, aber wie er nur mit Akustikgitarre und Mundharmonika und seinem Geiger auf der Bühne steht und seine eindringlichen Songs singt, kommt er doch sehr authentisch blue collar und heartland rüber. Entsprechend begeistert war das Publikum, wobei ich nicht einschätzen kann, wie viele ihn bereits kannten.

Jedenfalls wurde es merklich voller und enger, als die Lichter wieder angingen. Es war klar, auf wen die Leute wirklicht gewartet hatten. Nach einer erfrischend kurzen Pause, die von dem Nichtvorhandensein von Starallüren zeugt, kamen Brian Fallon und seine Mannen auf die Bühne.

Das mit dem Totenkopf hat sich mir immer noch nicht so ganz erschlossen.

Ich will nicht überschwänglich werden.

Was für eine Freude, eine Band zu sehen, die so offensichtlich Spaß an ihrer Musik hat und Spaß daran, dass die Leute ihre Songs singen und tanzen und zu ihren Shows kommen, die keine große Pyro-Action braucht und keine Backgroundtänzer und kein Playback, nicht bei jedem neuen Song eine neue Gitarre, die sich auf der Bühne verspielt und drüber lacht!

Es ist schwer, nicht überschwänglich zu werden.

Ernsthaft, es ist belebend. Von Anfang an hatte Brian Fallon ein Lachen im Gesicht, das sich bis zum Ende der Show nicht verzogen hat. Gaslight Anthem haben ihre Songs mit Inbrunst gespielt, ehrlich und einfach. Auf wie vielen Konzerten war ich, bei denen man gemerkt hat, wie sehr die Performance Routine ist; hätte man mir erzählt, dass Neu-Isenburg (ha) die einzige Europa-Show der Band ist, hätte ich es ihm abgenommen. Da werden Geschichten aus dem Schreineralltag in New Jersey erzählt und Scherze über die eigenen schütternen Haare gemacht und Witze mit dem T-Shirt-Guy, die schiefgehen, aber was solls, und obwohl die Leute wohl nur die Hälfte von dem verstanden haben, was Fallon da erzählt, haben sie trotzdem gejubelt.

Obwohl die ersten vier oder fünf Songs alle vom neuen Album „American Slang“ kamen, haben TGA doch eine bunte Mischung aus ihren drei Alben und ihrer einen EP gespielt. Dass „American Slang“ vielleicht etwas Übergewicht hatte, liegt aber in der Natur einer Tour. Der Natour sozusagen.

Offensichtlich war im Publikum, dass aber die Songs  von „The ’59 Sound“ am besten ankommen und auf die meiste Resonanz stoßen. Das deckt sich auch mit meiner persönlichen Meinung der Qualität der Alben, aber das nur am Rande. Dennoch haben sich Gaslight Anthem nicht gescheut, auch Lieder ihrer noch sehr punkigen Debütplatte „Sink Or Swim“ zu spielen – die wiederum beim entsprechenden Klientel klare Favoriten waren.

Nach einer Stunde und „’59 Sound“ (dem Song) gingen die Lichter aus. Nun gut, dachte ich mir, eine Stunde gespielt plus zwei, drei Zugaben – vielleicht doch etwas mickrig. Dass das ganze dann noch eine gute Zeit lang weiterging, konnte ich nicht ahnen. Aber warum auch keine Zugabe einer halben Stunde?

Ein besonderes Schmankerl (oh Himmel, was schreibe ich hier? Bin ich Texter eines Anzeigenblatts oder der Kuhdörfischen Zeitung?) war der Song, den Fallon zusammen mit Chuck Ragan performt hat. Ihrer Ankündigung nach wird diese Kollabo auch auf Platte festgehalten; ich bin gespannt.

Alles in allem war es ein großartiges Konzert und ein großartiger Anlass, das schöne, dunkle, stürmische, verregnete, eiskalte Städtchen Neu-Isenburg kennenzulernen. Auch wenn die ansässige Hugenottenhalle nicht ganz voll war und sowieso nicht besonders groß, war die Stimmung im Publikum gut und in der Band sowieso, ich habe keine Lieblingssongs missen müssen und es standen keine Zwei-Meter-Hünen angeklebt vor mir.

Gab es Mankos?

Bitburger aus Drittelliterflaschen für den unverschämten Preis von drei Euro vielleicht.

P.S.

Die Setliste folgt, sobald sie irgendein trauriger Kerl, der auf einem Konzert nichts besseres zu tun hat, als sich die Songs zu notieren, sie ins Internet stellt und Google mir sagt, wo ich sie zu finden habe.

Update (13.11.)

Die ganzen Fragezeichen sind etwas irritierend, aber für einen Eindruck wird es wohl reichen.

P.P.S.

Da schon die Bilder meiner schrottigen Handykamera grausam sind, habe ich erst gar keine Videoaufnahme probiert und auch keine auf Youtube finden konnte. Weil ich aber sowieso einmal dieses grandiose Video posten wollte – enjoy!

 

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4 Antworten to “The Gaslight Anthem in Neu-Isenburg, 11.11.2010 – Konzertbericht”

  1. Nummer Neun Says:

    Ab und an hat man Glück, und die Setlist wird hier von jemanden eingetragen:
    http://www.setlist.fm/

    Bei meinem Gaslight Anthem Konzert in München hatte ich Glück und jemand hat sich die Mühe gemacht.

  2. Corry Says:

    Chuck Ragan ist auch immer noch der Sänger von Hot Water Music, mit denen war er dieses Jahr auch schon hier auf Tour :-) Aber seine Solo – Sachen sind toll und wenn du dir ne Platte von ihm kaufen willst dann kann ich Los Feliz empfehlen, ein Livealbum. Da sind alle tollen Stücke drauf…

  3. Kim Says:

    Hm, alles klar, Asche auf mein Haupt.
    Und die Platte werde ich mir mal besorgen…

  4. Aber gut Says:

    Und das Konzert war restlos ausverkauft. Mehr lassen die in der Hugenottenhalle aus Sicherheitsgründen nicht rein.

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