Sechs Coversongs: Besser als die Originale

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Vor einer ganzen Weile habe ich hier einen langen, vor Hass und Selbstgerechtigkeit strotzenden Artikel geschrieben, in dem ich über die gar diabolische Angewohnheit des Coverns gegiftet habe. Dass das Prinzip immer noch faul, ausnutzend, erbärmlich und vollkommen verwerflich ist, glaube ich immer noch. Nichtsdestotrotz gibt es Beispiele von Bands, die es richtig machen – die, um es pathetisch auszudrücken, das vorhandene Potenzial in fremden Songs erkannt haben und ihn noch um dieses kleine Stück steigern wollten, damit er die Umsetzung bekommt, die er verdient.

Oder es war halt glücklicher Zufall. Jedenfalls gibt es Songs, die im Original nicht so gut sind wie als Cover. Eine bescheidene Auswahl möchte ich an dieser Stelle dem geneigten Leser präsentieren. Und vielleicht höre ich auch auf zu schwafeln.

sam beam

Es bleibt natürlich dabei: Der Großteil des Respekts geht an den Songwriter, an den ursprünglichen Interpreten. Was ich mit „besser“ meine, ist die reine Umsetzung eines Lieds.

Wheatus – A Little Respect (Erasure)


Selbst wenn ich den ganzen Tag umgeben wäre von Haarspraymähnen und knallbunten Outfits und Schulterpolstern und natürlich dem allgegenwärtigem Synthie-Pop, hätte ich Erasure in den Achtzigern kaum ertragen können. Es bleibt mir auch ein Rätsel, wie man ein so gutes Gerüst für einen Song schreiben kann und dann dermaßen grandios an der Umsetzung scheitert. Wheatus haben sich für ihr erstes Album „A Little Respect“ vorgenommen und passenderweise mit Gitarren und akustischen Drums und so aufgenommen, was sehr viel besser zu dem Song passt. Glück gehabt: nochmal gerettet.

Guns N‘ Roses – Knockin‘ On Heaven’s Door (Bob Dylan)

Man lehnt sich recht weit aus dem Fenster, wenn man Bob Dylan kritisieren will. Niemand kann seine Relevanz für die Musik anzweifeln, seinen kontinuierlichen Beitrag zum Fundus der Popkultur. Nur, Karten auf den Tisch: Weder kann er besonders gut singen noch Mundharmonika spielen. Der Chor im Original-„Knockin'“ tut dem ganzen gut, reißt es aber nicht raus. Dann kamen Guns N‘ Roses und machten etwas ganz anderes aus dem Song. Das ist sowieso ein entscheidender Qualitätsfaktor beim Covern: Niemand braucht eine einfach neu eingespielte Version eines Lieds. Das Zauberwort ist Eigenbeitrag; Axl, Slash und der Haufen wissen, was sie tun.


Iron & Wine – Such Great Heights (Postal Service)

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Ich wusste eine ganze Weile nicht, dass „Such Great Heights“ überhaupt ein Cover ist. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich auf die grauenhafte Wahrheit gestoßen bin. Ich weiß nur, dass das Original von Postal Service ein Verbrechen an der Menschlichkeit ist. Wiederum: Ein wirklich starker Text, unterlegt mit lachhafter nervöser Elektromusik. Die Iron-&-Wine-Version (die übrigens die B-Side der Single des Originals war) ist nicht um Längen, sondern Universen voraus. Von absolut seelenlos und kalt zu fast schon anrührend, und das mit dem gleichen Song.


Rage Against The Machine – Maggie’s Farm (Bob Dylan)

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Oh nein, er tut es schon wieder. Wenn das hier das Forum des Rolling Stones wäre, wäre ich wohl schon längst gesperrt. Aber immer, wenn ich „Maggie’s Farm“ im Original höre, stelle ich mir einen etwas schrägen Clown mit zotteligen Haaren und einer Alkoholfahne vor, der an der Straßenecke mit seiner komischen Stimme ein Lied singt. Was eine nicht inkorrekte Darstellung von Bob Dylan sein dürfte. Jedenfalls: Zach de la Rocha vermag es in meinen Augen viel mehr, die ganze Wut und den ganzen Hass herauszuspitten. Ich will zugeben, dass ich eben auch eine Schwäche für die obligatorischen RATM-Riffs habe und dass ich wohl jeden Song für aufgewertet halten würde, hätte er nur eins davon, aber nichtsdestotrotz: One-upped.


Creedence Clearwater Revival – Heard It Through The Grapevine (Marvin Gaye u.a.)

John Fogertys Stimme.


Johnny Cash – Hurt (Nine Inch Nails)

Es soll Leute geben, die auf diesen ganzen düsteren Industrialkram stehen. Das Original von den Nine Inch Nails ruft bei mir eine furchtbar nervöse und unangenehme Stimmung hervor, was freilich Absicht sein dürfte. Um einen Song aber wahrlich depressiv zu machen, braucht es nicht mehr als eine Gitarre und eine starke Stimme.


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