Zwei missverstandene Songs

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Brütende Hitze. Selbstgebrannter Schnaps. Strohhüte, Grashalm im Mund, nackter Oberkörper, Hosenträger. Träge auf der Veranda sitzen, abends Kerzen anzünden und Kreuze und Schwarze. The Alabama Way of Life, wie man ihn sich vorstellt. Und welcher Song kommt im Radio? Natürlich der, den sich der Staat Alabama als offizielles Motto auf die Fahnen (oder eher die Nummernschilder) geschrieben hat – „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd, zuerst erschienen auf ihrem zweiten Album „Second Helping“ von 1974.

hb

Und wie toll der Song doch gegen diesen verdammten Peacenik-Hippie Neil Young wütet! Was bildet der sich ein, einen Song namens „Alabama“ aufzunehmen, in dem er auch noch Negatives sagt? Aber gottseidank haben unsere Redneck-Brüder von Skynyrd diesem stinkenden Liberalen den musikalischen Mittelfinger gezeigt.

But I hope Neil Young will remember / A southern man don’t need him around„, so ist es. Wir southern men haben unseren Stolz, und den lassen wir uns nicht nehmen. Und endlich gibt es eine Band, die das in aller Öffentlichkeit sagt!

Nun ja. Dass „southern man“ ein direkter Verweis auf den gleichnamigen Neil-Young-Song ist, ist weniger bekannt. Young singt:

I saw cotton and I saw black
Tall white mansions and little shacks
Southern man, when will you pay them back?
I heard screamin‘ and bullwhips cracking
How long? How long?

Solche Männer wollen Neil Young bestimmt nicht um sich haben. Van Zandt meint also nicht sich selbst, seine Band und seine fellows in Alabama mit „southern man“, sondern all die rückwärtsgewandten Rassisten, die es immer noch gab (und wahrscheinlich gibt). Tatsächlich waren Skynyrd große Young-Fans; umgekehrt war es genauso. Letztlich ist „Sweet Home Alabama“ keine Hymne auf den Süden und harsche Absage Richtung Fortschritt, sondern eine Anklage gegen die Diskriminierung und den Rassismus dieser Gegend. Ersichtlich ist das auch später im Song, wenn es heißt:

Now in Birmingham they love the gov’nor

Boo, boo, boo

Jener Governor war George Wallace, der eben die Segregation von Schwarzen und Weißen befürwortete. Und soweit ich die Aussage von dreifachen Buh-Rufen einschätzen kann, bedeuten sie keine Zustimmung.

Ist also nichts mit southern anthem und so.

Viel schlimmer, weil eigentlich viel einfacher ersichtlich (wenn man denn zuhört), ist aber die krasse Missinterpretation eines anderen Songs. Natürlich – wenn man nur den Titel hört, mag man geneigt sein, einen falschen Eindruck zu bekommen. Die Rede ist von „Born In The USA“ von Bruce Springsteen.

Bei diesem mitreißendem Chorus ist es nicht schwer, einen falschen Eindruck zu bekommen. Denn wer will schon den Lyrics zuhören, wenn man sowieso nur darauf wartet, mitgrölen zu können?

Aber wenn der Song schon mit „Born down in a dead man’s town“ anfängt, wie patriotisch kann er dann überhaupt noch werden? Dann:

Got in a little hometown jam, so they put a rifle in my hand
Sent me off to a foreign land to go and kill the yellow man

Ja, das sprüht nur so über vor Kriegslust und dem Gefühl, die geliebte Heimat verteidigen zu müssen. Deshalb muss ihm die Waffe auch in die Hände gedrückt werden. Als das lyrische Ich dann aus dem Vietnam-Krieg heimkommt, ist er arbeitslos, besitzlos, perspektivlos, wie so viele der Veteranen. Aber der Krieg hat ihn nicht nur seiner Lebensumstände beraubt:

Had a brother at Khe Sanh, fighting off the Viet Cong
They’re still there, he’s all gone
He had a woman he loved in Saigon
I got a picture of him in her arms now

Sein Bruder stirbt. Aber er stirbt nicht den Heldentod für den Sieg, nein, er stirbt einen sinnlosen Tod, denn der Krieg ist verloren und der Feind unbesiegt. Go, USA! Und welch strahlende Zukunft auf den Verteidiger des Vaterlandes wartet: „Nowhere to run, ain’t nowhere to go„. Das spricht von absoluter Hoffnungslosigkeit.

Obwohl sich Springsteen bis zum Wahlkampf von John Kerry nie offen für einen Präsidentschaftskandidaten ausgesprochen hatte, hätte also klar sein müssen, dass er nicht unbedingt sein Kreuz bei Ronald Reagan machen würde. Weil aber grade dieser tolle Song voller Patriotismus in aller Munde war, dachten sich Reagans Berater wohl, dass es bestimmt gut ankommen würde, wenn der actor turned politician Referenzen dazu machen würde. Aber jetzt mal ganz im Ernst: Wie kann einem dieser bizarre Kontrast nicht auffallen?

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