Wheatus – Pop, Songs & Death Vol. 2: The Jupiter EP (2010, doch noch)

by

Im April, hieß es damals, soll die zweite EP der geplanten „Pop, Songs & Death“-Reihe von Wheatus erscheinen. Das tat sie natürlich nicht. Es täte der Band schrecklich leid, aber man müsse zum 1. Mai warten. Naja. Die Tour, Menschen haben Unfälle, das Mastern dauert so lange. Freut euch auf den August! Dann kam nichts mehr. Ich habe der Website der Band wohl unangemessen viel Traffic geschenkt, und ich will mich nicht vom Vorwurf der Voreingenommenheit freisprechen, denn der Vorgänger dieser EP war nach etwas Gewöhnung wirklich ganz hervorragend.

August also.

Ich hatte die Hoffnung spätestens im Dezember aufgegeben. Aber hey, vielleicht geschieht ja ein Wunder. Ein zusätzliches Weihnachtsgeschenk sozusagen. Und Wheatus haben sich als echte Ebenezer Scrooges rausgestellt: „Pop, Songs & Death Vol. 2: The Jupiter EP“ ist draußen.

In diesem Video bedankt sich Brendan B. Brown, der Kopf der Band, bei allen, die sich die Scheibe geladen haben oder es tun wollen. Das läuft nach dem „pay what you want“-Verfahren, man kann sie also kostenlos bekommen.

Hat sich das Warten gelohnt?

(Jetzt mit Nachtrag vom 11.1.)

Bei fast einer Dreiviertelstunde Playtime ist die EP länger als so manches ausgewachsenes Album, hat dabei aber nur sechs Songs. „Ambitioniert“ ist wohl das richtige Wort, denn für ziemlich poppige Musik mag es gewagt erscheinen, ein Lied über acht Minuten dauern zu lassen.

Die Produktion erinnert stark an die „Lightning EP“. Das heißt, Browns Stimme ist im Vordergrund, drängt sich fast schon auf. Die verzerrten Gitarren haben einen undefinierten Sound (das ist gewollt), erscheinen sehr breit und komprimiert. Gleichzeitig. Mir gefällt das nicht; ich ziehe die Produktionen der Major-Alben von Wheatus vor. Die akustischen Gitarren klingen jedoch sehr klar und genau. Die Bassdrum hört sich platt an, die Becken fade. Muss auch Absicht sein. Bei dem Aufwand, den die Band behauptet, beim Recording und Mastering (übrigens in Eigenregie) betrieben zu haben, wäre es wohl auch traurig, wenn nicht alles den Vorstellungen entspricht. Das müssen wohl teils seltsame Vorstellungen sein.

Das Cover der EP, nur schwer als solches erkennbar.

Der Opener heißt „The Story Of The Eggs“. Was als ruhiger, akustiklastiger Song beginnt, steigert sich rasch in einen melodischen, drängenden Refrain. Nach einer Bridge, die stark in Moll absinkt, schweift der Song in einen minutenlangen Pop-Jam ab. Insgesamt sehr gefällig. Außerdem ist dieser Track derjenige, der mit Abstand am saubersten produziert ist.

„A Fisherman With A Clock“ beginnt mit mit einer Spieluhr. Dann: Aus irgendeinem Grund tun mir die elektrischen Gitarren in der Strophe in den Ohren weh. Ich weiß einfach nicht, wer einen solchen Sound mit Absicht spielen wollte; dazu ist alles in den ersten drei Minuten auch zu rifflastig. Die einsetzende Orgel versöhnt mich zwar mit dem Track, das liegt aber an meiner furchtbar subjektiven Vorliebe für Orgeln. Damn. Tatsache bleibt allerdings, dass die Instrumente in einem Wheatus-Lied vor allem Träger der starken, unkitischigen und ironischen Texte ihres Frontmanns sind; diesen Zweck erfüllen sie, sobald man sich auf die ungewöhnliche Produktion eingelassen hat. „A Fisherman With A Clock“ endet jedenfalls mit einem längeren Gitarrensolo, was eher ungewöhnlich ist.

Auch der „Freedom Song“ verstört zunächst mit seltsamen Rhythmen. Im Refrain schwingt er sich allerdings zum bisher melodischsten Lied der EP auf. Leider kann ich dazu nicht mehr schreiben.

„So Old N‘ Told“ baut anfangs eine ziemliche Spannung auf, die sich in einem Up-Tempo-Punkrock-Song ausschlagen könnte. Was natürlich nicht passiert. Mit Orgel und druckvollem Gesang im Chorus ist das aber der erste Track, der mich meinen Fuß tappen lässt. Die Vocals wirken fast bluesig, was vom den Wiederholungen der weiblichen Sängerinnen unterstrichen wird. Die Bridge klingt sehr bedrohlich und wird auch gefällig aufgelöst. Alles in allem ein für die modernen Wheatus untypischer, aber (vielleicht auch „deshalb“) starker Song.

Allerdings: Sowohl „Freedom Song“ als auch „So Old N‘ Told“, und es tut mir leid, ständig darauf herumreiten zu müssen, sind ziemlich mies produziert, mit unpassenden Effekten, Sounds und mäßiger Aufnahmequalität; zu stark komprimiert und amplified.

„Dream About The Devil“ startet dann wiederum sehr bluesig, mit einer Western-Gitarre, die einen Slide-Rhythm (freilich ohne Slide-Guitar) spielt, Gesang und Background-Vocals. Das wirkt im Vergleich zur krassen Überproduktion der anderen Songs sehr entspannt und trotzdem nicht langweilig oder beliebig, weil nicht simpel und eingängig.

„Why did you leave me lonely

When you could have just left me alone?“

– „Dream About The Devil“

Danke für die akustischen Drums in „Bridges To Jupiter“. Der abschließende Song dieser ausufernden EP ist langsam und zurückgelehnt; wenigstens der Anfang ist sauber produziert und entzieht sich nicht einem normalen Melodieverständnis. Trotz der zur Mitte einsetzenden hektischen Schlagzeugrhythmen, die sich immer weiter steigern, bleibt das so.

Nun denn.

Ich weiß es zu schätzen, wenn eine Band versucht, ihren Sound zu erweitern. Hier sind Wheatus allerdings zu weit gegangen. Die Stärken der Band waren immer ihre pikierten, spitzen Popsongs mit sehr hookigen, aber nie anbiedernden Melodien. Was auf der ersten „Pop, Songs & Death“-EP noch ein Touch von Experimentieren war, wird hier übertrieben; damit meine ich in erster Linie die verdammte Produktion, die dann doch so lang gedauert haben soll. Immer, wenn zu viele Instrumente gleichzeitig spielen, habe ich den Eindruck, dass einfach alles peakt und die Mics überfordert waren. Die Sounds von Drums und Gitarre gehen mir schlichtweg auf die Nerven, von einem Bass bekomme ich, außer in „So Old N‘ Told“, nicht viel mit. Der Gesang ist, wie immer, astrein, aber meistens laufen die Instrumente dessen Melodie unterschwellig zuwider. Ich lasse mir gerne den Vorwurf machen, ich würde das Konzept dahinter nicht blicken, aber mich packt diese Scheibe über weite Strecken nicht, sie irritiert mich.

Die Gefahr an einer CD, die so lang ist wie ein Album, aber nur so viele Tracks hat wie eben eine EP, ist, dass wenn einem drei Songs nicht gefallen, einem über 20 Minuten nicht gefallen. Das wiederum ist eine ziemlich lange Zeit für eine CD. Leider ist hier genau das der Fall: Wo der erste und letzte Song der „Jupiter EP“ wirklich stark sind, fällt die Qualität der Songs zusammen mit der der Produktion in der Mitte der Scheibe in ein Loch. Ich glaube auch nicht, dass sich das mit wiederholtem Hören ändern wird.

Das alles ist ziemlich schade. Ich hatte mich sehr auf diese EP gefreut und muss sie jetzt mit gemischten Gefühlen bewerten. Besonders schade ist das, weil Wheatus eine Band mit sehr viel Potenzial, aber sehr wenig Anhängerschaft sind. Als One-Hit-Wonder fallengelassen, produzieren sie ihre Musik selbst und auf Eigenkosten, um unabhängig von Major-Labels zu sein. Ich kann das normalerweise nur unterstützen, weil auf diese Weise echte Musik gemacht wird, die nicht unter Einfluss von geltungs- und erfolgssüchtigen Produzenten steht. Das Problem hierbei: Manchmal können diese Produzenten, ganz neutral gesehen, gut produzieren. Ich glaube, dass sich Wheatus hier in etwas verrannt haben, das sie selbst nicht mehr erkennen können. Ich würde mir wünschen, dass Brendan B. Brown seine Masche noch einmal überdenkt.

Ich vergebe zögerliche 72 Prozent angesichts der Umstände und weil die Songs, an sich betrachtet, allesamt gut sein könnten.

Trotzdem hänge ich den Aufruf an, auf die Website zu gehen, sich die EP zu laden und das word zu spreaden. Und wenn ihr schon dabei seid: Zieht euch „Too Soon Monsoon„. Es ist kostenlos und grandios.

P.S.

Weil die Scheibe so frisch ist, habe ich noch keine Youtube-Uploads der Songs gefunden; wenn ihr euch selbst ein Bild machen wollt, investiert den kleinen Mehraufwand und die hundert Megabyte Traffic.

Nachtrag, 11.1.2011:

Es ist doch erstaunlich. Ich habe mir die EP noch ein paar mal nebenher angehört und dann nochmal intensiv, und auf einmal macht sie einen ganz anderen Eindruck. Ich bleibe dabei, dass die Produktion teils unsauber wirkt, aber die Songs, die ich anfangs für unzugänglich, weil wirr hielt, öffnen sich einem doch. Als Gesamtwerk, das heißt, nicht aufgetrennt in einzelne Instrumente und Gesang und Produktion fügt sich die Scheibe auf einmal harmonisch zusammen. Das ist nicht das erste Mal, das mir so etwas passiert ist, aber in diesem Fall hätte ich es nicht für möglich gehalten. Ja, damn.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

2 Antworten to “Wheatus – Pop, Songs & Death Vol. 2: The Jupiter EP (2010, doch noch)”

  1. flo Says:

    der 2. link 404’d

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: