Bruce Springsteen – The Promise (2010)

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Wo „The River“ eine weit gespannte Mischung aus guter Laune und absoluter Depression geboten hat, war „Darkness On The Edge Of Town“ ein komplett desaströs verzweifeltes Album. Aber natürlich fallen bei Writing- und Recording-Sessions nicht nur Tracks an, die in einer Linie mit dem Konzept des geplanten Albums stehen. Was für die meisten Künstler Musikabfall ist und sehr, sehr schnell in Vergessenheit gerät, reicht bei anderen qualitativ für einen ganzen Haufen anderer Alben.

So ist das zum Beispiel bei Bruce Springsteen. „The Promise“ enthält einundzwanzigeinhalb Songs, die gegen Ende der 70er-Jahre geschrieben und aufgenommen wurden, es aber nicht auf das unfassbar grandiose (ich untertreibe) „Darkness On The Edge Of Town“ geschafft haben. Diese Songs wurden nun auf einer Doppel-CD, ominöserweise kurz vor Weihnachten, veröffentlicht.

Was kann man von übriggelassenen Songs erwarten?

Nun, hinter „Darkness On The Edge Of Town“ stand natürlich eine Idee. Nach dem großen Erfolg mit „Born To Run“, das sich first und foremost mit dem Ausbrechen aus erstarrten Situationen in den miesen kleinen Städten in den USA beschäftigt, zeigt „Darkness“, dass die Hoffnung hinter dem Ausbrechen oft genug eine Lüge ist.

Oft genug ist allerdings nicht immer. So sind viele Songs auf „The Promise“ wohl aus dem Grund nicht auf „Darkness“ gelandet, weil sie nicht dieser Grundstimmung des Albums entsprachen, und nicht, weil sie musikalisch nicht gut genug wären. Dennoch spricht Springsteen hier von einem Album im eigentlichen Sinn, mit durchdachter Songanordnung und Sinn dahinter.

Wir werden sehen.

Racing In The Street ’78“ startet, anders als die „Darkness On The Edge Of Town“-Version, mit einer sehnsüchtigen Mundharmonikamelodie. Und das Auto des Protagonisten ist ein anderes.  Abgesehen davon wirkt der komplette Song treibender, drängender als das doch wenn schon nicht lakonische, so doch weniger aufrüttelnde Original, auch wenn das Clemons‘ Saxophon mit einer Geige ersetzt wurde. Die aufgewühlteren Vocals werden durch die volle Instrumentenwand allerdings etwas zu sehr in den Hintergrund gedrängt.

Das leichtere „Gotta Get That Feeling“ versprüht vergleichsweise gute Laune mit seiner Bläserunterlegung, ähnlich wie das recht simple „Outside Looking In„. „Someday We’ll Be Together“ ist eine jener fast schon schlagerhaft anmutenden Balladen, wie man sie teils auf „The River“, teils in gemäßigterem Umfang auf „Magic“ und „Working On A Dream“ finden kann. Wenn man sich darauf einlässt, machen solche Songs Spaß; meines Erachtens stellen sie aber keinen Vergleich zu den ernsten Stücken Springsteens dar. Die süßen Melodien, der Frauenchor, der einfach jede Line mitsingt, der einfach anmutende Text – auf der Skala von „leicht zu vergessen“ bis „nett“ irgendwo in der Mitte.

One Way Street“ ist elaborierter. Auch hier könnte man, wenn man denn böswillig ist, eine Tendenz zum Kitsch unterstellen, aber dafür ist vor allem das Saxophonsolo schlichtweg zu schön, der Text über eine zerbrochene Liebe weniger naiv.

Because The Night“  dürfte auch denjenigen ein Begriff sein, die sonst nichts mit Bruce Springsteen zu tun haben. In der Version, die Pattie Smith bearbeitet und aufgenommen hat, findet sich der Song auf allerlei einschlägigen „Classic-Rock“-Compilations – und sticht dabei mit seiner Qualität aus der Masse der lieblos zusammengewürfelten Lieder solcher Sampler hervor. Die E Street Band selbst spielt den Song seit jeher in beeindruckender Motivation regelmäßig live; auf „The Promise“ ist nun die Studioaufnahme verewigt.

Wrong Side Of The Street“ erinnert von Produktion und Songwriting her wiederum an die neuesten Alben des Boss‘. Zum ersten Mal tritt hier der schneidende Sound der Telecaster, der auf „Darkness On The Edge Of Town“ so prominent vertreten ist, in Erscheinung, bei den Marschmusikanleihen denke ich natürlich an „Badlands“. Ganz anders ist da „The Brokenhearted„, das sich von den einfacher gestrickten Balladen des Albums kaum abzuheben vermag. Überhaupt: So gerne ich Balladen höre, die erste CD von „The Promise“ ist da doch eher der Overkill. An den Bläsern hat man sich rasch sattgehört, die dunkleren Einschläge sind selten zu hören.

Rendezvous“ ist ein weiterer romantischer Song, der allerdings deutlichere Rock-N‘-Roll-Einschläge zeigt, mit stärkerem Beat und angezerrten Gitarren. Der Song, der das auf „Darkness On The Edge Of Town“ am deutlichsten gebracht hatte, war „Candy’s Room“ – der abschließende Song der ersten Seite von „The Promise“ ist nun „Candy’s Boy„, eine Urfassung des Lieds. Und es könnte verschiedener nicht sein; wo bei „Room“ mit harten Gitarren und unnachgiebigen Drums eine heftige Sehnsucht gezeigt wird, ist diese Fassung wiederum eher seicht, weniger verzweifelt, einfacher; nachdem der Song mit denselben Lyrics startet, entwickelt er sich also auch thematisch in eine andere Richtung. Immer noch gefällig, nichtsdestotrotz; besonders die Hammond-Orgel spricht mich an. Allerdings könnte auch ein Fünfjähriger auf eine Hammondorgel einhacken, und mich würde das immer noch ansprechen. Interessant jedenfalls zu sehen, wie unterschiedlich im Grunde gleiche Lieder sein können.

Save My Love“ leitet die zweite CD von „The Promise“ mit einem kurzen, positiven Vibe ein. „Ain’t Good Enough For You“ verbreitet vom ersten Takt an gute Laune, mit seinem Klatschen, seinem „Hungry Heart“-ähnlichen Saxophon, seinen „Oh-oh-oh“s. Könnte insgesamt auch auf „The Wild, The Innocent & the E Street Shuffle“ kommen. Oder von „The River“ halt. „Fire“ war ein großer Hit für die Pointer Sisters; Springsteen selbst hatte ihn, ähnlich wie „Because The Night„, aber immer wieder live gespielt. Sehr rhythmusbetont und minimalistisch, sehr gut.

Spanish Eyes“ verwendet teils die gleichen oder ähnliche Lyrics wie „I’m On Fire“ von „Born In The USA“, lässt aber dessen Melancholie vermissen. Stattdessen ist „Spanish Eyes“ eine weitere Ballade, die aber weniger Kitsch, dafür mehr Stimmung und Tanzbarkeit (hm, tatsächlich) bietet.

It’s A Shame“ bleibt tanzbar, und ist, abesehen von seiner nicht komplett verzweifelten Grundstimmung, der erste Song, den ich mir auf „Darkness On The Edge Of Town“ hätte vorstellen können; auch wegen der prominent eingesetzten Gitarre. „Come On (Let’s Go Tonight)“ ist sozusagen vertreten, denn das Lied ist eine alternative Fassung von „Factory“ mit anderen Lyrics und zusätzlichen Streichern im Hintergrund und kurz, aber intensiv.

Talk To Me“ wirkt hektisch, mit repetitiven, schnellen Riffs und jeder Menge Bläsern. Ich will tanzen.

Youtube lässt euch nicht tanzen.

Der Titel „The Little Things (My Baby Does)“ lässt den Charakter des nächsten Songs erahnen. Springsteen schafft es allerdings, das Ganze authentisch und ehrlich und nicht so überschwänglich rüberzubringen. Und der Hörer kommt in den Genuss seiner Kopfstimme. Hört man auch nicht alle Tage, oder Songs.

Breakaway“ schneidet Geschichten verschiedener Charaktere an, die ihrem Leben entfliehen, ausbrechen wollen. Diese Stimmung entspricht weitgehend der auf „Darkness“, das Lied scheint allerdings dafür unpassend instrumentalisiert. Sha-La-La-La, außerdem. Das titelgebende „The Promise“ macht Anspielungen auf „Thunder Road“ und „Darlington County„, und ist sowieso der Song, der auch auf „Darkness“ seinen Platz finden würde. Das Leben des Erzählers ist planlos und trüb, jede Hoffnung auf Ausbruch fällt in sich zusammen, und so weiter.

Youtube mag euch nicht. Aber immerhin gibt es einen Live-Mitschnitt einer One-Man-Performance von „The Promise„:

City Of Night“ schließt das Doppelalbum ab mit einem zurückgelehnten, sparsamen Beat und dem Erzähler, der einen Taxifahrer volllabert mit TMI über seine Freundin. Ach ja, und dann gibt es einen Hidden Track, der fast schon „Nebraska“-esk rüberkommt. Anfangs wenigstens. Und auch nur von den Instrumenten her. Okay, es hat eigentlich nichts mit „Nebraska“ zu tun. Eher mit „The River“, und ich vermute, der Track heißt „You Belong To Me„. Nett, jedenfalls.

„The Promise“ hinterlässt bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck. Die Qualität der Musik steht außer Frage; die Tracks sind gut geschrieben, makellos eingespielt, und dank der Re-Production durch den Boss selbst auch soundtechnisch auf der Höhe der Zeit. Diese Ansammlung als organisches Album zu bezeichnen, fällt mir allerdings schwer. Das liegt einerseits daran, dass über 20 Songs zusammen selten ein konsequentes, stringentes Album ergeben können (auch wenn „The River“ das geschafft hat), andererseits daran, dass die überdurchschnittlicher Anzahl eher seichter Songs die Tiefe und Schärfe des Songwritings vermissen lässt. Das wäre bei vielleicht zwölf Tracks anders gewesen, so aber überfordert mich all die süße Liebe und Hingabe etwas.

Dennoch, wiederum: Das bedeutet nicht, dass „The Promise“ ein schlechtes Album ist. Wenn man es als das sieht, was es denn ist, nämlich das Beste aus dem Ausschuss eines Meisterwerks, ist es sogar ein großartiges Album, das die ganze Kreativität und musikalische Stärke dieses einen Mannes eindrucksvoll demonstriert. Man muss es sozusagen im historischen Kontext sehen. Und es macht auch Spaß, zu überlegen, auf welche Alben die einzelnen Stücke am besten gepasst hätten. Aber damit wollte ich euch in dr Besprechung nicht übermäßig auf die Nerven gehen.

Fazit: Als Album bedenklich, als Sammlung grandios, als Wertung 85%.

Und ich wünschte, ich würde im weißen Unterhemd so cool aussehen.

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