Silbermond Oder: Wie ich lernte, Musik zu verachten

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Mein Deutschlehrer in der fünften Klasse zwang uns, Gedichte zu schreiben. Der Mann war ganz vernarrt in Gedichte; wir waren dem hilflos ausgeliefert. Wir konnten sie nicht im Rhythmus vorlesen, wir konnten sie nicht verstehen. Und dann sollten wir welche schreiben! Unsere hilflosen Versuche sprachen nur von all dieser Verwirrung. Aber eins hatten wir verstanden: Reimen soll es sich. Also schrieben wir Texte, die nur zu dem Zweck existierten, dass sie sich reimten.

Popmusik heute wird lieblos gemacht. Mit einfallslosen Akkordfolgen oder ausgelutschten Plastikbeats versuchen Einzelne oder Gruppen, mit ihrem Image Geld zu machen, nicht mit ihrer Musik. Texte sind bestenfalls lästiges Nebenprodukut dieser Industrie. Aber manchmal, manchmal schlagen Songs ein, die so dermaßen kindisch, einfallslos und naiv sind, dass sich selbst deren Zielgruppe mit der Hand vor die Stirn schlagen sollte – was sie natürlich nicht tut.

Das Lied, von dem ich rede, heißt „Das Beste“ und stammt von einer jener Retorten-Deutschpoprockbands, die im Kielwasser von Wir Sind Helden Anfang des letzten Jahrzehnts an die Oberfläche der Kloake, die sich deutsche Singlecharts nennt, geschwommen ist.

Allein die kitschige Diashow, mit der der Song in diesem Video unterlegt wurde, spricht Bände über die Fans solcher Songs.

Nun, der Text.

Ich kann Gymnasiastenlyrik bis zu einem gewissen Punkt tolerieren, bis zu einem gewissen sogar unterstützen. Leider ist das, was Silbermond hier liefern, noch unter dem Niveau, das meine Klassenkameraden und ich in der Sexta für unseren poesieaffinen Lehrer produzieren mussten.

Die Worte tropfen nur so vor Klischees, abgedroschenen, sich widersprechenden Metaphern, ist so einfach, dass einen der Schmalz praktisch erschlägt.

Es gibt nur einen Weg, das klarzumachen: Eine Wort-für-Wort-Analyse ähnlich der für unser aller Lieblingsrapper.

Ich habe einen Schatz gefunden,
und er trägt deinen Namen.
So wunderschön und wertvoll,
mit keinem Geld der Welt zu bezahlen.

Traurig: Das beste Pulver direkt zu Anfang verschossen. Immerhin bleibt die charismatische Frau Kloß innerhalb ihrer Metapher, so mit Schatz, Geld und wertvoll. Kitschig ist das trotzdem.

Du schläfst neben mir ein,
ich könnt dich die ganze Nacht betrachten.
Sehn wie du schläfst, hörn wie du atmest,
bis wir am Morgen erwachen.

Die ganze Nacht betrachten, soso. „Sehn wie du atmest, hörn wie du schläfst“ würde übrigens auch funktionieren, nur so am Rande. Aber bitte: Wie man die ganze Nacht wachbleibt und trotzdem morgens aufwachen kann, muss man mir zuerst erklären. Vielleicht lässt sich das mit dem Reim erklären, im echten Leben benutzt auch sonst niemand das Wort „betrachten“. Aber so viel gestehe ich zu, dass Lyrik das darf. Dass jemand-anderem-beim-Schlafen-zusehen allerdings das romantische Äquivalent zu Heimatliebe-Schlagersongs im Musikfeld ist, sollte sowieso jedem klar sein.

Du hast es wieder mal geschafft,
mir den Atem zu rauben.
Wenn du neben mir liegst,
dann kann ich es kaum glauben,
dass jemand wie ich so was Schönes wie dich verdient hat.

Hier paaren sich Minderwertigkeitskomplexe und kopflose, irrationale Anbetung. Das überhaupt ist das allergrößte Manko: Was hier beschrieben wird, ist nicht bedingungslose Liebe, sondern blinde. Das aber auch nicht mit irgendwie elaborierter Betrachtung (ha! Ich darf das auch), sondern mit naiver.

Was folgt, dürfte der schlechteste Refrain sein, der mir jemals untergekommen ist:

Du bist das Beste, was mir je passiert ist,
es tut so gut wie du mich liebst.
Vergiss den Rest der Welt,
wenn du bei mir bist.

Du bist das Beste, was mir je passiert ist,
es tut so gut wie du mich liebst.
Ich sags dir viel zu selten,
es ist schön, dass es dich gibt.

Das ist einfach zu… einfach. Wer will denn Lieder hören, in denen alles ganz herausragend super ist? Wer will denn schmachtende Liebesbekundungen hören, die in Worte gefasst sind, die sich sonst in präpubertären Liebesbriefen finden? Wer denn nur?

Das Lied stieg bereits in der ersten Woche in Deutschland und Österreich auf Platz 1 der Charts und hielt sich dort 7 bzw. 6 Wochen lang. In der Schweiz stieg der Song auf Platz 36 ein und erreichte nach 7 Wochen Platz 3 der Hitparade. Auch in Luxemburg und in den deutschen Airplay-Charts erreichte der Song die Spitzenposition. In den Eurocharts erreichte es den 7. Rang.

In den Jahrescharts konnte sich die Single in zwei Jahren hintereinander platzieren. In Deutschland 2006 auf Platz 8 und im Jahr darauf auf dem 19. Platz, in Österreich 2006 auf dem 9. Rang und 2007 Platz 17 und in der Schweiz 2006 auf Platz 31 und im Folgejahr auf Platz 40. (wiki)

Deutschland will es hören, wer sonst. Denn dass Silbermond ausschließlich auf Deutsch singen, macht es nicht besser: So springt einem die gnadenlose Infantilie ihrer Texte noch mehr ins Gesicht, und wenn das ganze Englisch wäre, könnte ich meinen Mitmenschen wenigstens unterstellen, sie würden nichts verstehen, also auch nicht von dieser lyrischen Peinlichkeit angezogen werden, sondern von der 08-15-Akkordabfolge und der dünnen Fieselstimme des Fräuleins Kloß.

Dein Lachen macht süchtig,
fast so, als wär es nicht von dieser Erde.
Auch wenn deine Nähe Gift wär,
ich würd bei dir sein, solange, bis ich sterbe.

„Als wäre es nicht von dieser Erde“, sondern von einer anderen? Wie all die anderen Drogen von Beta Centauri, die in schöner Regelmäßigkeit Menschen in die Abhängigkeit ziehen? Das mit dem Gift ist mir zu erbärmlich, als dass ich dazu etwas sagen wollte.

Dein Verlassen würde Welten zerstören,
doch daran will ich nicht denken.
Viel zu schön ist es mit dir,
wenn wir uns gegenseitig Liebe schenken.

Denken – schenken. Nun ja. Man beachte den Plural „Welten“ für spätere Analysen. „Gegenseitig Liebe schenken“ – mir gehen die Worte aus dem Umfeld von „Kitsch“, „Klischee“ und „jämmerlich“ aus.

Betank mich mit Kraft,
nimm mir die Zweifel von den Augen.
Erzähl mir tausend Lügen,
ich würd sie dir alle glauben.
Doch ein Zweifel bleibt,
dass ich jemand wie dich verdient hab.

Als Teenager hätte ich über die Zeile „Betank mich mit Kraft“ wahrscheinlich anzüglich gelacht. Hey, das tue ich heute auch noch! Ist das nun ein sexuelles Innuendo oder nicht? Wenn ja, dann ist es für all die hirnlose Romantik im Resttext reichlich unpassend. Wenn es keins ist, ist es nur wieder eine schlechte Metapher für eine gute Beziehung. Dann: Was haben Zweifel mit Augen zu tun? Und: Welche Zweifel? Line über Line wird uns versichert, wie sehr das lyrische Ich seinem Partner hoffnungslos verfallen ist. Wo auf einmal die Zweifel herkommen, weiß nur Silbermond (ist schon mal jemandem aufgefallen, was das für ein ausgesprochen schlechter Bandname ist?) Dass die Erzählerin tausend Lügen glauben würde, ist angesichts der Naivität ihrer Worte natürlich widerspruchslos zu glauben. Und dann: wieder Zweifel. Aber oh, wenn es wieder um Minderwertigkeitskomplexe geht, läuft das schon.

Dann kommt wieder der Refrain.

Wenn sich mein Leben überschlägt,
bist du die Ruhe und die Zuflucht.
Weil alles, was du mir gibst,
einfach so unendlich gut tut.

Nun denn. Über den stumpfen Kitsch möchte ich nicht mehr reden. Anstattdessen: ist „gut tut“ – „Zuflucht“ etwa ein Doppelreim? Vielleicht sollten sich Silbermond Gedanken über ein Hiphop-Album machen. Bushido wäre sicher an einer Kollabo interessiert; das wäre schon einen Guiness-Buch-Eintrag für die meisten abgedroschenen Reime in acht Zeilen wert.

Wenn ich rastlos bin,
bist du die Reise ohne Ende.
Deshalb leg ich meine kleine große Welt
in deine schützenden Hände.

Was braucht man am dringendsten, wenn man rastlos ist? Genau: Eine Reise ohne Ende. Ohne Ende. Keine Rast mehr. Wie habe ich das zu verstehen? „Kleine große Welt“ jaja. Ach Gottchen. „I’m a big, big girl…“ Und: Eben ging es noch um ganz viele Welten. Aber ich behaupte nicht, dass dieser Text mit dem Gedanken im Hinterkopf geschrieben wurde, dass er in sich schlüssig oder gar stringent sein soll.

Und nach noch einem Refrain ist der Song endlich zu Ende.

Was mich übrigens an den Menschen im Generellen zweifeln lässt, sind die 230 verdammten Seiten Kommentare auf dieser Seite. Und sie alle finden das Lied. Ach. Ja. So. Wundervoll. Und. Tief.

Es geht alles den Bach runter.

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17 Antworten to “Silbermond Oder: Wie ich lernte, Musik zu verachten”

  1. darky85 Says:

    Bester Beitrag den ich seit langem gelesen hab!

  2. Hansi Says:

    Neid hat scharfe Augen! Deinen kindischen Bericht hättest du doch schon 2006 schreiben können, da war der Song nämlich auf Platz 1. Warum jetzt? Nix zu tun?
    Gähhhhn…….

    • Anonymous Says:

      Neid worauf?

      Inwiefern der Artikel kindisch sein soll, hätte ich gerne erklärt.

      Dass ich das jetzt schreibe, hatte einen akuten Auslöser: Der Song wurde im Radio gespielt.

    • Kim Says:

      Entschuldigung, anscheinend war ich ausgeloggt. Die Antwort stammt natürlich von mir.

  3. Hansi Says:

    Neid worauf? Mhh…lass mich überlegen…*überleg*….auf den großen Erfolg einer Band!? Hast du das Lied 4 Jahre überhört?
    Ich „liebe“ Beiträge/Berichte, die kein wenig objektiv sind, sondern nur darauf zu zielen alles runter- und mies zu machen.
    Viel Erfolg weiterhin mit solchen Texten..und üb das ein und ausloggen noch ein wenig!

    • Kim Says:

      Ich könnte natürlich jetzt total authentisch bleiben und behaupten, dass ich lieber ein Leben lang erfolglos wäre als mit Schund Geld zu scheffeln, aber wir wissen doch alle, dass Erfolg korrumpiert.

      Dieser Beitrag soll keineswegs objektiv sein, im Gegenteil: Er ist in höchstem Maße subjektiv. Das „Runter- und Miesmachen“ ist sein einziger Sinn.

      Und sagen wir so: Ich wünschte, ich hätte das Lied vier Jahre lang überhört.

  4. Melle Says:

    Dieser Song war auf Platz 1 ! Es gibt keinen Grund, die Band so dermaßen runter zuziehen, den es gibt Menschen, die das Lied toll finden, es auf Hochzeiten spielen lassen etc! Niveaulos, wenn sich welche darüber beschweren. Wenn ihrs nicht hören wollt dann lasst es , aber laber nicht so einen Mist

    • Kim Says:

      Dass ein Song auf Platz 1 in Deutschland ist, ist heutzutage eher ein Anzeichen für mangelnde Qualität als für herausragende. Und oh, es gibt einen ganzen Haufen Gründe, diesen Song runterzuziehen. Das ist nicht niveaulos, sondern meine Meinung. Und die darf ich vertreten. Wenn ihr das nicht lesen wollt, dann lasst es, aber labert nicht so einen Mist.

  5. Wieland Says:

    Ich hoffe, dass Du Wir sind Helden nicht mit Silbermond in einen Topf werfen willst und nur meinst, dass, nachdem Wir sind Helden auf Deutsch recht gut funktioniert haben, Silbermond, Juli und Konsorten auf den Zug aufgesprungen sind.
    Wir sind Helden besitzen nämlich vor allem textlich Qualität und Niveau und einiges an Wortwitz, die ich mit oben Genannten nicht so gern in Verbindung gebracht sehe…

    • Kim Says:

      Ich möchte um Himmels Willen nicht Silbermond mit Wir Sind Helden gleichsetzen. Auch wenn die Helden nicht unbedingt eine meiner Lieblingsbands sind, halte ich die Musik für ziemlich gut. Ich glaube nur, dass es wegen des doch unerwarteten Erfolgs von Wir Sind Helden damals möglich geworden ist, dass auch andere, weniger gute Bands Platten verkaufen konnten, auf denen Deutsch gesungen wird.

  6. Flo Says:

    Der Autor spricht mir aus der Seele. Man hätte vll noch auf andere Lieder der Band eingehen können. Verhält es sich da genauso, oder ist „das Beste“ nur ein Ausrutscher? (ich kenne sonst glaub ich keine Lieder dieser Band, zumindest nicht bewusst)

  7. Die Golden Globes 2011 – Kurz kommentiert « Klapperstrauß – Platten, Filme, Games und Bücher. Popkultur. Says:

    […] Nun aber genug geschimpft. Schauen wir uns lieber an wer denn nun gewonnen hat. Ich werde hier nicht jede Kategorie aufzählen (wenn es interessiert kann sich vom Onkel Google helfen lassen), sondern nur die, die ich interessant finde (ja wir sind ein subjektiver Blog, liebe Silbermondfans!): […]

  8. Jetzt nimmt die Anmaßung Ausmaße an: Die besten Songs, überhaupt. « Klapperstrauß – Platten, Filme, Games und Bücher. Popkultur. Says:

    […] der Interpretation, aber genau das trägt zum Erlebnis bei – wer (vielleicht abgesehen von Silbermond-Fans) will schon vor den Kopf gestoßen […]

  9. Sandra Says:

    Haha, das nicht dein ernst was du da von dir gibst? Such dir mal ne ordentliche Therapie, geht mal gar nicht. Sowas verachtendes wie von dir habe ich lange nicht gelesen. Einfach assig. Das ist ja schon keine „eigene Meinung“ mehr, das ist einfach übelst hohl. Sorry, aber DAS ist nun eine „eigene Meinung“ ;)

    • Kim Says:

      Ich weiß, ich sollte mir wirklich eine Therapie suchen, wenn ich eine andere Meinung als du habe. Und danke für das Kompliment, „verachtend“ war genau der Eindruck, den ich mit dem Artikel erwecken wollte.

  10. Anonymous Says:

    Wie viele sich aufregen, nur weil jemand mal seine Meinung sagt?! Lest es doch nicht, wenn es euch nicht gefällt und ihr habt bestimmt auch Bands, die euch nicht gefallen, die andere aber hoch in den Himmel loben!
    Ich finde den Artikel gut, der hilft mir jedenfalls für meine Interpretation für Deutsch :’D Und ganz nebenbei spiegelt er das wieder, was ich von dem Lied halte.
    Btw. passt für diejenigen, die meinen, sie wären besser als der Verfasser dieses Artikels und dieser wäre niveaulos und kindisch der Spruch “ Wer frei von Sünde ( oder in dem Fall all dem ist, was ihr hier von euch lasst), der werfe den ersten Stein ( oder reiße als erstes den Mund auf)“

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