Kanye West – My Beautiful Dark Twisted Fantasy (2010)

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Ein opulenter Name, ein künstlerisches Cover. Wenn man eins von Kanye West behaupten kann, dann, dass er einen hohen Anspruch hat. Allerdings: Wer so aufgeblasen, so überzogen arrogant, so anmaßend ist, muss Worten auch Taten folgen lassen.

Im Dezember erschien Yeezies neuestes Werk „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“. Und das ist in der Tat ein besonderes Album.

mbdtf

Ohne Teddybären und hier in der "explicit"-Version

Kanye West hat sich viel erlaubt in den letzten Jahren. Denkwürdige Auftritte wie die „George Bush doesn’t care about black people“-Rede an der Seite von Mike Myers bei einem Spendenaufruf für die Einwohner von New Orleans, deren Häuser von Katrina zerstört wurden oder sein auf-die-Bühne-stürmen bei zwei (!) Video Music Awards haben ihn, zusammen mit seiner oft proklamierten sehr hohen Meinung von sich selbst, in den Augen vieler zu einer unerträglichen, selbstüberschätzenden Nervensäge gemacht.

Diese Leute ignorieren die Qualität seiner Musik.

kwts

"Yo Taylor, I'm really happy for you and I'mma let you finish, but Beyoncé..."

Bis auf „808’s and Heartbreak“ wurde jedes seiner Alben mit Lob überschüttet, und Kanye mit Grammys und all den anderen hübschen Preisen, die die amerikanische Musikindustrie zu bieten hat. Kanye ist ein starker Rapper und ein hervorragender Producer. Wenn jemand boasten kann, dann er. Das bedeutet natürlich, dass ein hoher Druck auf ihm liegt, wenn er eine neue Scheibe veröffentlicht. Kann er mit seinem schönen, dunklen, verdrehten Traum seinen eigenen Ansprüchen genügen?

Um es mal vorwegzunehmen: Fuck yeah, he can.

Die Songs

Der Opener „Dark Fantasy“ eröffnet das Album recht unspektakulär mit Standardraps, lässt aber andererseits mit ausgefeilten Vocals und Piano ahnen, worauf das Album hinauslaufen wird.

An Tracks wie „Gorgeous“ (mit Kid Cudi und Raekwon) merkt man, dass Kanye seinen Sound erweitert hat. Mit weniger Samples, aber mehr Instrumenten wird hier HipHop auf hohem Niveau fabriziert. Die Drums ganz im Hintergrund, ein E-Gitarrenlick im Vordergrund: So geht man sicher, dass der Hörer auf den Text hört. Und hier rechnet Kanye mit so ziemlich allen ab.

Choke a southpark writer with a fishstick

In der ersten Single „Power“ sind es dann die Drums, die den Track ausmachen, zusammen mit den gesampleten Vocals im Hintergrund. Textlich lässt Kanye wieder alles an Selbstüberschätzung (Selbsteinschätzung?) raus. „All Of The Lights“ startet melodischer mit Geige und Klavier. Mit einem Bläserlick, der doch stark an das „Rocky“-Theme erinnert, kann ich leben. Ein persönlicher Abtörner ist da schon Rihanna, die den Refrain singt. Ganz subjektiv muss ich sagen, dass ich ihre Stimme ob ihrer Omnipräsenz nicht mehr hören kann. Andererseits erscheint hier ein erster nachdenklicher Ton in den Lyrics; Yeezie redet von Fehlern in seiner eigenen Vergangenheit. Oha. Krass sind hier die Features: Kid Cudi, Fergie, Alicia Keys und fucking Elton John, der auch das Piano eingespielt hat.

Monster„: wenig ist zu sagen außer „phat“.

So Appalled„:

Praises due to the most high, Allah
Praises due to the most fly, Prada

Jjjaaa… Der Beat ist wie immer stark produziert, relativ zurückhaltend, aber effektiv. Der Part von Jay-Z ist ein Highlight unter den unzähligen Features.

Devil In A New Dress“ ist ein Kanye-typischer Beat: Mit vielen Samples, Vocals und Instrumenten, sehr zurückgelehnt, mit Lyrics über Liebe oder eben nicht.

Runaway“ ist das eindeutige Highlight der Platte. Es startet mit einzelnen Tönen auf dem Klavier, bis plötzlich der brummende Bass und die Drums einsetzen. Kanye spricht mit einem Singsangrap über eine verloren Beziehung. Und obwohl der gute Mann beim besten Willen nicht singen kann, tut er es doch. Und kommt damit durch. Das Feature von Pusha T. ist so lala. Nach sechs Minuten (!) denkt man dann, der Song sei vorbei – bis er wieder losgeht. Geigen und Klavier simulieren den Beat, während Kanye drei Minuten lang mit seinem Vocoder mit seiner Stimme Sounds wie eine E-Gitarre produziert. Und es funktioniert. Irre.

Let’s have a toast to the douchebags

Hell Of A Life“ ist da eine andere Sorte Song. Deutlich erleichtert angesichts der Befreiung von ernsten Themen haut Yeezie lockerere Lines raus. Über eine Bitch, versteht sich.

„One day I’m gon‘ marry a porn star

[…]

How could you say they live they life wrong
When you never fuck wit‘ the lights on?“

Blame Game“ schlägt wieder nachdenklichere Töne an – wortwörtlich. Cello, Piano, Geigen, John Legend. Dass Kanye nicht ganz ohne Rache kann, merkt man am Outro. Zwei Minuten lang spricht der Neue seiner Ex davon, wie gut sie fickt, und fragt, wer ihr das beigebracht hat. Wer wohl? „Yeezie taught me.“

Mit einfühlsamen Autotunegesang (ich dachte niemals, dass ich das mal schreiben würde) startet „Lost In The World„. Kanye hat hier eine Wand an Stimmen produziert, die dann mit dem Beat zusammen regelrecht enthusiastisch wirken. An solchen Songs erkennt man die Ambition, mit der dieses Album geschrieben wurde. Welcher Rapper kann sich so etwas erlauben?

Und dann, ganz am Schluss, folgt die politische Predigt. Mit Kommentaren zum Status der Gesellschaft in den USA hat sich Kanye auf dieser Scheibe sehr zurückgehalten. So lässt er als Abschluss den Sänger und Dichter Gil Scott-Heron in Form von Samples seines „Comment No. 1“ zu Wort kommen: „Who Will Survive In America?“

kwss

Für die Shutter Shades hasse ich ihn.

Das Ganze

„My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ist ein grandioses Album und zeugt von Kanye Wests überbordender Kreativität. Einen einzigen Song hat er nicht selbst produziert, bei zweien hatter Unterstützung. Sein Stil, der sich früher oft heftigst an Samples bedient hat, hat sich weiterentwickelt. Natürlich samplet er immer noch (fast alle Songs beinhalten welche), Kanye verlässt sich aber nicht mehr in einem solchen Ausmaß darauf. Der Aufwand, mit dem die einzelnen Tracks instrumentalisiert wurden, zahlt sich auch deutlich aus.

Natürlich finden sich wieder einige Features auf diesem Album. Jay-Z hat sich diesmal stark zurückgehalten, Kid Cudi trägt mehrmals Vocals bei. Die Raps etwa von Pusha T sorgen für Abwechslung, wären aber letztlich nicht nötig gewesen, um die Qualität zu halten.

Yeezies eigene Raps sind (wie immer) unterschiedlich stark. Manche Reime und Wortspiele halte ich für erstklassig, aber manchmal vergehen 16 Zeilen mit Standardrhymes und phonetischen Verbiegungen. Inhaltlich kennt er hauptsächlich zwei Themen: Sich selbst und seine Frauen. Lockere, witzige Songs sind rar.

Fazit

Als Gesamtwerk betrachtet, ist „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ vor allem eins: ambitioniert. Und over the top. Man fühlt sich erschlagen. So muss HipHop heute klingen, wenn er seine Relevanz behalten und nicht absinken will in mit House und R-n‘-B vermischte Partytracks ohne Inhalt, ohne Seele, ohne Inspiration. Oder um es mit den Worten des „Rolling Stone“ zu sagen:

There’s a famous story about Queen making „Bohemian Rhapsody„: Whenever the band thought the song was finished, Freddie Mercury would say, „I’ve added a few more ‘Galileos’ here, dear.“

But nobody can out-Galileo Kanye.

In diesem Sinne: 92 Prozent.

P.S.

Die Leier mit Youtube und Konsorten muss ich nicht wiederholen. Wenn ihr euch einen besseren Eindruck von den Songs machen wollt, dann kauft das Album. Ehrlich, es lohnt sich.

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