Jetzt nimmt die Anmaßung Ausmaße an: Die besten Songs, überhaupt.

by

Alleine die Bezeichung „Best Of“ bei Compilation-Alben einer Band stößt mir sauer auf. Ich glaube kaum, dass die Plattenbosse nach der Qualität irgendwelcher Lieder gehen, wenn es gilt, schnell irgendeine CD zu Weihnachten auf den Markt zu schmeißen. Dass sich das Rolling Stone Magazine schon mehrfach bemüht hat, ausufernde Listen der besten Songs, Alben, Künstler, Plattencover, Inlay-Danksagungen und Hüllenplastikqualitäten aufzustellen, sagt eigentlich recht wenig aus – denn man kann an der Auswahl der Jury schon erkennnen, in welche Richtung das Ergebnis geht.

Deshalb bin ich da eiskalt und stelle hiermit die unumstößlich einzige Liste der besten Songs auf. Einfach so.

m

The Gaslight Anthem – The Backseat

Sind The Gaslight Anthem zu jung, zu neu, zu unerfahren, um einen der besten Songs überhaupt zu schreiben? Ich wage mich aufs Glatteis und behaupte: nein. Denn Brian Fallon ist mehr als nur ein jämmerlicher Abklatsch des Boss’, und auch wenn die Themen oft ähnlich sind und nur allzu deutlich wird, wer das große Vorbild ist, schaffen es die Jungs aus Jersey (woher auch sonst), das Konzept in das dritte Jahrtausend zu holen – mit einer Leidenschaft, die beeindruckt. Dabei steht „The Backseat“ exemplarisch für das ganze Album The ’59 Sound.

Pearl Jam – Black

Black“ hatte ich damals als den zweitdepressivsten Song überhaupt bezeichnet. Und das wiederhole ich hier noch einmal:

I know someday you’ll have a beautiful life

I know you’ll be a star in somebody else’s sky

But why, why, why, can’t it be in mine?

Fuckt mich jedesmal ab. Der Song startet fast mit einem positiven Unterton, bis er sich in diesen verzweifelten Ausbruch Eddie Vedders hochschraubt. Das subtile Piano und die Backgroundvocals sind schlicht herzzerreißend. „Black“ ist eine der stärksten Balladen, die jemals geschrieben wurden. Fakt!

Meat Loaf – You Took The Words Right Out Of My Mouth

Was ich an Meat Loaf liebe, ist die Tatsache, dass er überschwängliche Romantik rüberbringen kann, ohne wie ein Clown zu wirken. Gerade durch all den Kitsch und die Liebe und die Leidenschaft und das Dahinschmelzen wird klar, dass Jim Steinman seine Songs mit einem Zwinkern geschrieben hat. Und wenn man das so hinnehmen will (nicht jeder kann das, oder beachtet Musik überhaupt genug, um das wahrzunehmen), schreibt er ganz wundervolle Songs.

Do you know how to write a song? Do you know anything about writing? If you’re going to write for records, it goes like this: A, B, C, B, C, C. I don’t know what you’re doing. You’re doing A, D, F, G, B, D, C. You don’t know how to write a song . . . Have you ever listened to pop music? Have you ever heard any rock-and-roll music . . . You should go downstairs when you leave here . . . and buy some rock-and-roll records.

Musikmanager Clive Davis zu Jim Steinman

ml

Neil Young – Heart Of Gold

Wie melancholisch es mich macht, dass sich früher Bands noch ganz einfach nach den Nachnamen ihrer Mitglieder benennen konnten, und niemand sich beschwert hat: Crosby, Stills, Nash & Young, Hall & Oates, Barclay James Harvest. Großer Vorteil für dein Einzelkünstler: So ist der Name sofort eine Hausmarke. Aus Neil Youngs sehr umfangreichen Gesamtwerk einen Track zu picken, fällt natürlich schwer, und ich habe weißgott nicht jedes Album gehört. „Heart Of Gold“ aber vermittelt einen guten Eindruck von Youngs Stil vor Krachern wie „Rockin’ In The Free World“. Der Song kommt vom Album Harvest, das ich absolut jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.

Guns N‘ Roses – Don’t Cry

Die Vollendung der klassischen Powerballade. In meinen Augen steht es sowieso nur solchen Bands zu, Balladen zu schreiben, die es nicht ständig tun – will sagen, die ansonsten größtenteils harte, schmutzigen Rock machen. Und wer könnte das besser als die drogenzerfressene Meute von G N‘ R? In der kurzen Zeit zwischen Appetite For Destruction und Use Your Illusion waren sie die größte Band der Welt. Und obwohl etwa „November Rain“ so stark wie totgehört ist, sind es die etwas zurückhalterenden Songs wie „Don’t Cry„, die realistisch eine sanftere Seite der Band zeigen – und das Können von Slash.

Rage Against The Machine – Bullet In The Head

Rage Against The Machine haben ihre Wut schon auf so einiges gerichtet. Bei „Bullet In The Head“ sind es die Medien, die ihr Fett wegbekommen. Dass de la Rochas Lyrics zugegebenermaßen oft von relativ radikaler und voreingenommener Sorte sind, mäßigt nicht deren hasserfüllte und giftige Kraft. Rage Against The Machine spielen hier wie immer als Einheit, die so hart groovt wie kaum eine andere Band (sorry, Mr. Kiedis). Wer „Bullet In The Head“ live hat erleben dürfen, weiß außerdem um die moshpitinduzierende Kraft des Outros.

Don McLean – American Pie

“A long, long time ago” – aber nicht “in a galaxy far away”, sondern “I can still remember how that music used to make me smile.” Woher kommt bloß die Eingängigkeit all der vielen Worte eines Songs, der über acht Minuten lang ist? Bemitleidenswert sind diejenigen, die nur die verstümmelte Version der ausgezehrten ehemaligen Wichsvorlage Madonna kennen. Don McLean sagt, er wisse selbst nicht genau, worum es in „American Pie“ geht, und jeder solle sich selbst seine Gedanken machen. Klar sind die Hinweise auf den Tod Buddy Hollys – aber dass ein Text so einprägsam und gleichzeitig so geheimnisvoll ist, ist selten.

bh

Led Zeppelin – Stairway To Heaven

Jaja, ich weiß. Gibt es einen ausgelutschteren Song? Hm. Aber die Frage sollte heißen: Gibt es einen schöneren Song? Die Antwort lautet: ja, aber das sind nicht viele. Normalerweise würde ich es als Anzeichen von mangelnder Qualität sehen, wenn SWR1-Hörer ein Lied ständig auf den ersten Platz ihrer Hitliste wählen. Aber über manchen Sachen muss einfach stehen. Der grandiose Aufbau dieses Songs, der immer intensiver wird, ist kaum zu überbieten. Jimmy Pages und Robert Plants Lyircs bedürfen der Interpretation, aber genau das trägt zum Erlebnis bei – wer (vielleicht abgesehen von Silbermond-Fans) will schon vor den Kopf gestoßen werden?

Rush –2112

Das beste Wort, das mir einfällt, um Rushs pièce de résistance zu bezeichnen, ist „wow“. „2112“ ist ein zwanzig Minuten langes Epos um Diktatur und Musik und Science Fiction. Trotz der fünf eigentlich komplett unterschiedlichen Parts wiederholen sich bestimmte Themen immer wieder leicht verändert und fügen den eigentlich überlangen Track zu einer Einheit zusammen. Der Detailreichtum erschließt sich einem nicht sofort; aber wer Freude an überbordendem Ideenreichtum hat, wird sich an „2112“ nicht satthören können. Und das virtuose Können der Herren Lee, Lifeson und Peart wirkt nicht überfordernd, sondern anregend.

Don Henley – Boys Of Summer

Wenn es seiner Springsteen gleichtun kann, was verzweifeltes Verlangen angeht, muss das Don Henley sein. Der erfolgreichste ehemalige (und dann wieder tatsächliche) Eagle schaffte es mit „Boys Of Summer“, einen Song zu schreiben, der ganz eindeutig Kind der Achtzigerjahre ist und trotzdem nicht scheiße. Es sind Details wie der Rhythmus der Hihat oder die kleinen Gitarrenmelodien, die den Track liebevoll und detailreich erscheinen lassen (die Musik wurde übrigens geschrieben von Mike Campbell, dem Gitarristen der Heartbreakers). Die bedingungslose Liebe des lyrischen Ichs wirkt hier nicht lächerlich und blind (wiederum Grüße an die Silbermond-Fans), sondern ehrlich aufopferungsvoll. Und die Beschreibung des Mädchens besteht aus kleinen Beobachtungen, die doch alles sagen.

Tom Petty & The Heartbreakers – American Girl

Jedesmal, wenn ich mir „American Girl“ reinziehe, frage ich mich, wie mir so lange verborgen bleiben konnte, dass sich die Lyrics nicht einmal reimen. Tom Petty schafft es mit eigentlich sehr einfachen Akkorden und zurückgeschraubter Instrumentalisierung eine Plattform für seinen herrlich frischen und unprätentiösen Text zu schaffen – und lässt alles zu einem wunderbaren, drei Minuten kurzen Erlebnis verschmelzen.

Bruce Springsteen – Born To Run

Zwei Zeilen, um alles zu zeigen, für das Springsteen in den späten Siebzigern bewegt hat:

In the day we sweat it out on the streets of runaway american dream

At night we ride through mansions of glory in suicide machines

Born To Run” ist eine grandiose Hymne an das Ausbrechen, an das Fliehen, an den eigenen Traum. Der verzweifelte Optimismus ist unterlegt mit einem drängenden Sound, der mitreißt und einen aufrüttelt. Auch wenn sich in Springsteens späteren Alben und Songs immer pessimistischere und desillusionierte Töne niederschlugen, steckt ein Funken Hoffnung mit „Born To Run“ doch immer mit drin.

btr

Metallica – One

Man kann über Metallica sagen, was man will. Viele haben in Load und Reload, andere sogar schon in Metallica den lawinenartigen Ausverkauf dieser einst so unangepassten Band gesehen. Viele mögen denken, dass sich Lars Ulrich mit seinem ziemlich untruen Kampf gegen Napster komplett zum Affen gemacht hat; oder dass Metallica als solches in unserer Zeit komplett irrelevant geworden sind (und das mag ich bei Alben wie Death Magnetic noch nicht einmal absolut leugnen).

Aber es gab eine Zeit, in der diese Band drei unfassbare Alben herausgehauen hat; Alben, die den Metal bis heute definieren. Ride The Lightning, Master Of Puppets und … And Justice For All waren Meisterwerke ihrer Zunft. Auf letzterem findet sich ein Track, der mich bis heute flasht – trotz des omnipräsenten, ultra-aggressiven Metalcores schafft es „One“ doch immer wieder, mich mitzureißen. Die verzweifelte Geschichte des jungen Johnny, der in den Krieg zog, nur um einmal eine Waffe zu halten und blind, taub, stumm und ohne Gliedmaßen im Lazarett den schlimmsten möglichen Albtraum erlebt, schockiert. „One“ steigert sich so subtil und dann doch so intensiv bis in ein brutales Double-Bass-Feuerwerk, dass es schwerfällt, nicht komplett den Kopf auszuschalten und auszurasten. Übrigens: Obwohl sich Metallica geschworen hatten, niemals ein Musikvideo zu produzieren, haben sie sich bei „One“ MTV ergeben. Das Video featuret Szenen aus „Johnny Got His Gun“, dem Film, der James Hetfield zum Text inspiriert hat.

Bruce Springsteen – Thunder Road

Ganz ohne Zweifel, unanfechtbar und eindeutig der großartigste Song, der jemals geschrieben wurde. Jeder, der nicht meiner Meinung ist, hat offensichtlich Unrecht. Hat jemals ein Song so süß und naiv angefangen? Hat jemals jemand mit einer solchen Sehnsucht und einem solchen Verlangen in der Stimme einer Frau ein Lied gesungen? Hat es jemals weniger bedurft als eines Pianos und einer Stimme, um eine Atmosphäre so packend zu fangen? Und hat sich eine solche Zurückhaltung jemals in eine solch großartige Wall of Sound geöffnet? Gab es jemals ein mitreißenderes Saxophon? Gab es jemals solche zynischen Untertöne in verklärter Träumerei? Hat man sich jemals derart intensiv gewünscht, ein Song würde länger dauern als die kurzen vier Minuten? Und habe ich jemals eine kitschigere Ode an einen Song geschrieben?

Nein.

Trostpreis:

Bob Dylan – Like A Rolling Stone

Unter den Top Drei des Rolling Stone Magazine sind sowohl die Rolling Stones als auch „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan. Mysteriöser Zufall oder haben da die Illuminaten ihre Finger im Spiel? Natürlich ein herausragender Song, und ich möchte mich der Autorität des bekanntesten Musikmagazins wenigstens ein bisschen beugen.

Diese Liste ist definitiv und endgültig. Änderungen wären nicht nur unangebracht, sie wären lächerlich. Trotzdem bin ich offen für wütende Kritik mit Schaum vorm Mund. Vielleicht gebe ich sogar zu, dass einer eurer Vorschläge in den T0p 4000 oder so wäre. Nur eins: Vorschläge mit den Worten Bryan oder Adams oder Bryan Adams oder Ryan Badams oder Yan Bradams werden nicht angenommen.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: