Jasper Fforde – Shades of Grey (2010)

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Ist Dystopie ausgelutscht? Nach Brave New World, Fahrenheit 451, 1984, Matrix und einer ganzen Menge anderer düsterer Zukunftsvisionen dachte ich, dass es kein Szenario mehr gibt, an das noch nicht gedacht wurde. Basis all dieser Fantasien ist immer der totalitäre Staat, die Trennung von Gesellschaften oder sozialen Stufen, die komplette Überwachung von oben, und meistens das Unwissen um seine eigene Position als Zahnrädchen im System.

Als ich den Klappentext von „Shades Of Grey“ las, war ich fasziniert. Die Idee dahinter: Menschen werden in der Zukunft nach ihrer Farbwahrnehmung aufgeteilt. Im England der Mitte des dritten Jahrtausends sind alle Menschen mehr oder weniger farbenblind – sie sehen höchstens eine oder zwei Farben. Farbe selbst kann synthetisch hergestellt werden und ist eine wertvolle Ressource. Und Löffel sind begehrte Wertgegendstände.

(Oh! Das hier ist übrigens der hundertste Artikel auf klapperstrauss.com. Vielen Dank an unsere Leser, ohne die dieses Blog nur ein Blog ohne Leser wäre.)

Jasper Fforde Shades of Grey

Es war eine seltsame Erfahrung, „Shades of Grey“ zu lesen. Nachdem ich mich kapitelweise über Wochen hinweg bis zur Mitte des Buches gekämpft hatte (was mehr mit extraliterarischen Ablenkungen zu tun hatte als mit der Qualität des Buchs), zwang mich die Geschichte ab dann, den Rest in einem Rutsch zu verschlingen. Aber das nur am Rande.

Eddie Russett ist Einwohner jener Gesellschaftsordnung „Chromatacia“. Obwohl er noch vor der Prüfung des Ausmaßes seiner Farbwahrnehmung steht, weiß er, dass er sehr viel rot sieht. Das ist der entscheidende Faktor im Leben eines Menschen: Je höher die Wahrnehmung, desto höher der soziale Status und desto weiter die Möglichkeiten, im Leben voranzukommen.

Wegen kleiner Bagatellen wurde Eddie aber verdonnert, im fernab der Zivilisation gelegenen East Carmine eine gemeinnützige Arbeit durchzuführen – einen Stuhl-Zensus. So soll ihm Demut gegenüber dem Kollektiv beigebracht werden. Zusammen mit seinem Vater macht er sich auf den Weg. Schon auf der Anreise geschehen aber seltsame Dinge: Ein Grauer, der sich als lila ausgegeben hatte, stirbt. Das Skandalöse ist aber, dass er sich als Höherfarbiger verkleidet hatte – ein schweres Verbrechen. In East Carmine angekommen, trifft Eddie auf die graue Jane, gefürchtet im ganzen Ort ob ihrer Grobheit und kurz vor ihrem „Reboot“ – dem Umsiedeln und der Gehirnwäsche für gefährliche Subjekte, die sich nicht an das Regelbuch von Munsell halten.

Jasper Fforde Shades of Grey National Color

Ein Mitarbeiter des staatlichen National Colour beim Kolorieren von Blumen

Dieses Buch schreibt noch das kleinste Detail im Leben der Einwohner Cromatacias vor. Und es enthält das mysteriöse Verbot, Löffel zu produzieren – heiß diskutiert und doch blind angenommen. Und: Alles, was an das Leben der „Vorherigen“ erinnert, wird zerstört. Die Vorherigen sind offensichtlich wir. In regelmäßigen „Leapbacks“ werden Massen von Dingen verboten, die das Leben nur unnötig komplizieren, wie Taschenmesser, Traktoren oder Uhren.

Eddie lernt nun viele der Einwohner des Hinterwäldlerkaffs kennen. Dieser Teil des Buchs ist wenig spannend: Das Treffen mit den vielen Charakteren ist immer nur kurz, und deren Anzahl groß. Bis man einen Überblick hat, vergeht eine gewisse Zeit. Noch dazu hat Fforde diese Episode genutzt, um mehr Details über das komplizierte Leben in einer Gesellschaft zu beschreiben, die von Farbe regiert wird. Das will ich hier nicht ausschlachten; ich sage nur, es lohnt sich. Die Welt ist sehr detailreich, liebevoll und konsistent konzipiert.

Jasper Fforde Shades of Grey Rhinosaurus

Maßstabsgetreues Bild eines Rhinosaurus' - so etwas lebt in 500 Jahren in England

Irgendetwas jedenfalls ist faul in East Carmine. Viele verhalten sich seltsam – und dann geschieht ein Mord. Ein Mord! So etwas passiert nicht im Kollektiv. Langsam beginnt Eddie mit der sonst sehr feindselig eingestellten Jane, die Verschwörung dahinter zu durchblicken. Und am Ende kommen sie dem dunklen Geheimnis des ganzen Gesellschaftsystems auf die Schliche.

Die Stärke von „Shades of Grey“ ist ganz eindeutig die einfallsreiche und innovative Idee hinter der Dystopie. Gottseidank versucht Fforde nicht, die ganze Farbwahrnehmungssache mit Techno-Blabber zu erklären, sondern stellt sie als Tatsache hin. Die Welt, die  er erschaffen hat, unterscheidet sich fundamental von unserer. Das fängt bei der Megafauna an, geht über die unerklärliche Farbblindheit aller Menschen und die Existenz des Regelbuchs, an das sich alle widerstandslos halten und gelangt schließlich an die Frage, was mit den Vorherigen geschehen ist.

Die eigentliche Story baut sich dementsprechend nur langsam auf. Zu mühsam für den Leser wäre es wohl gewesen, all die Feinheiten dieses Systems im Laufe einer atemberaubenden Story einzuführen. So muss man, wie schon angesprochen, ungefähr bis zur Hälfte des Buches warten, bis die Geschichte richtig Fahrt aufnimmt. Das tut sie dann aber auch.

Fforde schreibt mit viel Gefühl für Wortwitze und feine Ironie – und selbst kleine Popkulturreferenzen kann er nicht lassen. Einer der Einwohner East Carmines heißt beispielsweise Floyd Pinkett. Auch der Eindruck, dass es sich bei „Shades of Grey“ überhaupt um eine Dystopie handelt, verstärkt sich erst im Laufe der Story. Was am Anfang noch als kleine Marotten einer Gesellschaft wahrgenommen wird, zeigt sich später als oppressives Mittel einer totalitären Diktatur.

Jasper Fforde Shades of Grey National Colour

Das Logo von National Colour

Weniger glaubhaft finde ich teils das Verhalten der Charaktere. Wieso verzeiht Eddie jedem, der versucht, ihn umzubringen (und das sind nicht wenige im Laufe der Story)? Der distanzierte Erzählstil insgesamt ist sicherlich Absicht, um einen Eindruck der höflichen Kühle zu erzeugen, die in Chromatacia herrscht. Desweiteren schreibt Fforde in der Ego-Perspektive, gibt aber trotzdem nicht alle Gedanken Eddies preis. In gewisser Weise mangelt es den meisten Charakteren an Tiefe. Das könnte sich in Zukunft allerdings ändern, denn bereits zwei Fortsetzungen zu „Shades of Grey“ sind angesetzt: „Painting By Numbers“ und „The Gordini Protocols“.

Ob sie den Charme dieses Buchs einfangen und weiterführen können, muss sich noch zeigen. Ich hätte ein offenes Ende vielleicht bevorzugt – aber es lohnt sich wohl kaum, diese feingezeichnete Welt zu schaffen und sie auf 400 Seiten einzusperren. Alles in allem ein sehr ambitioniertes, sehr gelungenes Buch.

Übrigens: Die Website zum Buch bietet viele Infos, Gallerien und ein bißchen Downloadzeug. Einerseits nett, andererseits ist mir das Marketing dann doch ein wenig zu aufdringlich. Aber das kann ja jeder für sich entscheiden.

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