Der Singlecharts-Jahresrückblick 2010

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2010 war mal wieder kein gutes Jahr für Mainstream-Musik. Es gab praktisch keine echten, authentischen Künstler oder Bands, die Erfolg genießen durften. Stattdessen gibt es in den Charts mehr Plastik als in der Mattel-Fabrik. Aber ich will nichts vorwegnehmen. Den Rückblick auf die Top 100 der Singlecharts in Deutschland im Jahr 2010 gibts nach dem Klick!

100. Xavier Naidoo – Alles Kann Besser Werden

Wenn Xavier Naidoo so offensichtlich kaum Erfolg hat, ist alles schon besser geworden.

64. Jay-Z featuring Alicia Keys – Empire State Of Mind

Jay-Z Alicia Keys Empire State of Mind

Unter den hundert erfolgreichsten Songs der beste. Und dann auf Platz 64. Eine starke Produktion zusammen mit Hovas Rap und einer überraschend nicht-nervigen Alicia Keys – durchaus angenehm.

62. Stanfour – Wishing You Well

Wieso, warum, weshalb findet jemand diesen Song gut? Er ist so flach, so matschig, so vollkommen egal. Und wurde im Radio gerade deshalb rauf- und runtergespielt.

57. B.O.B. featuring Haley Williams – Airplanes

Und noch einer der wenigen Songs, die mir 2010 gefallen haben. Auch wenn die Rhymes eher einfach sind, ist der Flow gut, ist der Beat gut gemacht und Williams‘ Hookline, nun, hookt.

55. Ich + Ich – Universum

Ich + Ich Adel Tawil

Kein Grund zur Freude

Das Highlight des Jahres: Ich musste nie den Song von Ich + Ich hören, der 2010 den meisten Erfolg hatte. Und das war wohl kein großer.

31. Flo Rida & David Guetta – Club Can’t Handle Me

So, so. Ein Song übers Feiern und über Frauen, mit schlechten Raps, Tanzbeat und weiblichen Hooks. Ich kann gar nicht in Worte fassen, für wie oberflächlich ich die aktuelle Symbiose aus relevanzlosem New-School-HipHop und House oder Dance finde.

28. OneRepublic – Marching On

OneRepublic Marching On Apologize

Nach dem überraschendem und brechreizerregendem Über-Hit „Apologize“ lebt OneRepublic heute von dessen Überresten. „Marching On“ hat ähnliches durchdringendes Gejaule, eine Überzahl an elektronischen Instrumenten. Ein Ohrwurm, der wehtut, weil er so komplett egal ist.

25. Die Atzen – Disco Pogo

Ich weiß ja, dass „Die Atzen“ gar nicht erst den Anspruch auf Anspruch haben. Erschreckend ist trotzdem, mit welch lächerlich einfachen Mitteln ein Song in Deutschland Erfolg haben kann. Der Spannungsaufbau ist so künstlich, der Beat so simpel. Und wie lästig, dass man Text braucht!

21. The Black Eyed Peas

Black Eyed Peas Will.I.Am Fergie Time Good Night

Von gutem, handgemachtem HipHop zu austauschbarem Partyelektro. Der Absturz der Black Eyed Peas war lang und unausweichlich.

14. Mehrzad Marashi – Don’t Believe

Dieter Bohlen Mehrzad Marashi

Kann sich irgendjemand an diesen jungen Mann erinnern? Wobei die wichtige Frage ist: Wie konnte der Kerl mit einer der generischen bohlen’schen Reagenzglasballaden mit Anleihen an den jeweils aktuellen Trend doch so viele Platten verkaufen?

12. Madcon – Glow

Die spitzen Keys stechen mir in den Ohren. Der redundante, repetitive Beat nervt schon nach Sekunden.  Warum sprangen diese Clowns nochmal beim Eurovision-Songcontest durch die Gegend?

11. Eminem featuring Rihanna – Love The Way You Lie

Nicht schlecht, Eminem reißt fast alles raus. Aber warum wird Rihanna so heftig gefeaturet? Bin ich der einzige, dem ihre Stimme auf die Nerven geht?

10. Kesha – Tik Tok

Kesha Tik Tok

Ich weigere mich, dem aufmerksamkeitsheischenden Dollarzeichen hier noch mehr Publizität zu verleihen. „Tik Tok“ war tatsächlich hörbar – man musste ihn nur als das schnell zu vergessende One-Hit-Wonder akzeptieren, das er ist. Keshas White-Trash-Image ist eine interessante Abwechslung zu all den Hochglanzhuren in den Hitlisten, ist aber auch nur Fassade.

9. Keri Hilson – I Like

Und wieder einer dieser Songs, bei denen man nicht weiß, warum sie jemand anhören wollte. Vielleicht durch die Omnipräsenz bei Pro Sieben? Die flache, glattgeschliffene Produktion ist von einer dümmen Stimme mit uninteressanter Melodie überlegt. Wenn ich „I Like“ höre, sehe ich nur Fragezeichen vor mir.

8. Hurts – Wonderful Life

Hurts Wonderful Life

Neutral gesehen kein schlechtes Lied.  Durch den Airplayoverkill aber totgehört – und „kein schlechtes“ Lied heißt immer noch nicht ein „gutes“ Lied.

7. Stromae – Alors On Dance

Das perfekte Beispiel des Aufstiegs von House und Dance in den Mainstream. In den gegebenen Genregrenzen gut gemacht: Zum Tanzen nett, zum Hören ungeeignet.

6. K’Naan – Wavin‘ Flag

K'Naan Wavin' Flag FIFA WM South Africa

Die verkrüppelte Version eines wichtigen, kritischen Songs, in Stücke gerissen von der FIFA wegen der netten Melodie und weil K’Naan Afrikaner ist. Und bei Fußballspielen lässt man ja auch Flaggen wehen!

5. Yolanda Be Cool – We No Speak Americano

Wie „Alors On Dance“, mit zugegebenermaßen extrem tanzbarer Melodie und netten Samples – nur eben keine tiefsinnige Musik. Und mehr kann man dazu eben auch nicht sagen.

4. Unheilig – Geboren Um Zu Leben

Musik für RTL-II-Zuschauer. Musik für Leute, die sich auch sonst nicht für Musik interessieren. Musik in der Tradition von „Ich + Ich“. Mit dem Schritt in den beliebigen Mainstream hat sich Der Fürst wohl seine Rente gesichert, wenn wohl auch seine alte Fanbase vollkommen vor den Kopf gestoßen. Die milden Gothic-Anleihen seines Stils verschrecken niemanden und heben ihn etwas ab; das pathetisch, mittelmäßig gemachte Video hat sicherlich viele Leute angesprochen. Ein gänzlich egaler Text über Musik, die man so schon tausendfach gehört hat und besser. Ich bin absolut verwundert, warum dieser Song so abgehoben ist. Und nein, um Gottes Willen, ich weigere mich, den Lyrics irgendeinen tieferen Sinn zuzusprechen.

3. Lena Meyer-Landrut – Satellite

Lena Meyer-Landrut Satellite

Das ganze Ding mit der Euphorie lasse ich mal weg. Natürlich war Lena erfrischend, frech, unbeschwert, und das war auch eine wohltuende Abwechslung in diesem schnelllebigen, künstlichen Business. Der Song ist auch ganz nett, aber beim besten Willen nichts Herausragendes. Mir würde es gefallen, wenn sich Lena als Künstlerin und vor allem als Songwriterin selbstständig machen würde – allerdings hat man an den beiden „Unser Song für Deutschland“-Shows gesehen, dass die Songs, die sie angeblich maßgeblich mitgeschrieben hat, eher nicht so krass sind.

2. Shakira – Waka Waka

Shakira Waka

Und der nächste Song, der im Zuge der FIFA©®™ Fußball Weltmeisterschaft 2010 (all rights reserved) zu Bekanntheit gelangte. Ein Song, der derart präsent ist und so propagiert wird, ist zum Erfolg verdammt. Und ein Song, der den Milliarden Fußballfans gefallen muss, kann per definitionem nicht gut sein, weil er allen gefallen muss. Also macht Shakira vage Referenzen zu Afrika, tanzt ein bißchen pseudo-eingeboren, hat ein paar Instrumente im Song, die sich exotisch anhören und kollaboriert mit einer afrikanischen Band. Euphorie erzeugt das nicht.

1. Israel Iz Kamakawiwo‘ ole- Over The Rainbow

Israel Kamakawiwoʻole Over The Rainbow What A Wonderful World

Iz‘ Interpretation des Klassikers aus „The Wizard Of Oz“ wurde selbst in den letzten Jahren für Filme und Serien verwendet. Und dann hat Universal die Rechte gekauft und fette Kohle gemacht. Natürlich ist dieser Song wunderbar und verdient große Aufmerksamkeit. Die bizarre Kombination des zentnerschweren Hawaiianers mit seiner winzigen Ukulele und seiner sanften Stimme macht einen besonderen Reiz aus. Ich bin mir unschlüssig: Finde ich es gut, dass so viele Leute dieses Lied mögen, weil das mal für guten Geschmack steht, oder muss ich mal wieder ein Majorlabel für seine unstillbare Gier hassen?

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2 Antworten to “Der Singlecharts-Jahresrückblick 2010”

  1. wendehals Says:

    Eine umwerfende Erkenntnis, die breite Masse kauft massenkompatiblen Mainstream-Pop. Wie jedes Jahr. Und die größten Plattenfirmen verdienen damit das große Geld. Du kannst echt stolz auf deinen Scharfsinn sein.
    Nein, nicht wirklich. Eigentlich ist das noch viel weniger originell als die Musik von Bohlen oder die Texte der Atzen.

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