Rush: Time Machine Tour in Frankfurt, 29.5.2011

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Auf ihrer monatelangen Welttournee hatten Rush gerade mal einen einzigen Termin in Deutschland bestätigt. Ich war dabei. Und während ich in letzter Zeit auf Konzerten oft den Eindruck hatte, den Altersdurchschnitt zu steigern, war es hier umgekehrt. Aber wenn die Bandmitglieder schon mehr als dreimal so alt sind wie ich, was kann man dann vom Publikum erwarten?

Rush in Toronto

Dass mich Rush live wegblasen würden, war mir schon vorher klar. Wie gut aber eine gerade mal dreiköpfige Band sein kann und welchen tighten und doch komplexen Sound sie erzeugen kann, hätte ich nicht gedacht. Für einen recht stattlichen Preis von über 60 Euro hatte ich einen Platz im zweiten Rang der Frankfurter Festhalle bekommen, der zwar so weit weg wie nur möglich von der Bühne war, aber ihr wenigstens zugewandt. Und es ist die alte Leier mit Sitzplätzen: Wenn man sich doch hinstellt, gibt es immer die Leute hinter einem, die ernsthaft das ganze Konzert lang sitzen wollen und sich dann über die eingeschränkte Sicht beschweren. Ich könnte auch einen ganzen Artikel mit Hasstiraden über diese Einstellung füllen, aber wer will das schon lesen?

Jedenfalls haben sich die 60 Euro absolut gelohnt. Ich bin zwar der Ansicht, dass es bei Konzerten um Musik gehen muss und dass alles andere Schnickschnack ist, aber die Lightshow hat mich schon beeindruckt. Vielmehr noch tat das die visuelle Untermalung des Auftritts. Auf einer großen Leinwand hinter der Bühne liefen durchgehend auf die Songs abgestimmte Filme ab, die die Musik tatsächlich hervorragend unterstützt haben. Die ganze Show und die Bühnenrequisiten kamen mir sehr vom Steampunk inspiriert vor.

Rush Frankfurt 29.5. Time Machine Tour

Meine treue Handykamera und ich

Egal, egal, die Musik! Nach einem recht amüsantem Kurzfilm betrat die „Holy Trinity“ die Bühne mit The Spirit of Radio [an dieser Stelle hatte ich den klassischen Anfängerfehler gemacht; danke für den Hinweis] – und die Leute sind im Verhältnis zu ihrem Alter ausgerastet (der Sound der Band, der mir anfangs arg matschig vorkam, wurde recht schnell nachgebessert). Das Folgende war eine Demonstration der Spielfreude, aber vor allem der musikalischen Virtuosität der Kanadier. Ich habe selten eine Band gesehen, die so perfekt aufeinander abgestimmt war, was bei derart komplexen Songs nun keine Selbstverständlichkeit ist.

Geddy Lees Stimme mag sowieso Geschmackssache sein, und es war sicherlich keine vokalistische Meisterleistung, die er am gestrigen Abend geboten hat. Aber die Art, wie der rüstige Halbgott auf der Bühne umhergetanzt hat und mit einer Anschlagtechnik, die ich mir immer noch nicht erklären kann, seinen Bass masturbiert hat, reißt mit.

Rush Time Machine Frankfurt

Woo, Lightshow!

Dem Publikum hat man angemerkt, dass vor allem die großen Klassiker in der Setlist gefragt waren. Während bei etwas obskureren Songs wie Leave That Thing Alone oder Workin‘ Them Angels zwar brav applaudiert wurde, war die Crowd etwa bei Freewill weitaus frenetischer – was aber dem Erlebnis nicht abträgig war.

Mit einer in meinen Augen und Ohren herausragenden Performance von Subdivisions und der gemurmelten Entschuldigung, man sei ja mittlerweile auch nicht mehr jung, ging es dann in die etwa viertelstündige Pause. In meinen Augen ein Jammer, weil mich das ziemlich aus dem Flow des Konzerts gebracht hat. Mit dem Intro des zweiten Openers Tom Sawyer nach einem weiteren Kurzfilm verflog der Eindruck aber doch ziemlich fix.

Im zweiten Teil der Show hauten Rush dann das komplette „Moving Pictures“-Album raus, das dem Publikum wohlgefällige Songs wie Red Barchetta und Limelight enthält. Aber es war besonders bei YYZ, dass die Menge wirklich aufgelebt ist; ich hätte mir nicht erträumt, einmal das Intro-Riff gegrölt zu hören.

Fuck yeah, Becken!

Ein bißchen gesunde Poserei muss natürlich auch sein; und stark war es schon, wie sich Neil Peart in seinem Urwald aus Becken und Toms instinktiv zurechtfindet. Sein minutenlanges Drumsolo war rhythmusorientierter als andere High-Speed-Angebereien, die ich etwa schon von Joey Jordison erlebt habe; aber letztlich bekomme ich in den Songs genug von Pearts Skills mit, als dass ich noch ein Extra-Solo bräuchte.

Wie lange musste ich dann warten, bis 2112 endlich kam, und wie enttäuscht war ich dann, als Rush nur die ersten beiden Teile des zwanzigminütigen Songs spielten! Nach einer vielleicht dreißigsekündigen Abwesenheit von der Bühne spielten Rush dann leicht geänderte Versionen von La Villa Strangiato und Working Man, bis sie von der Bühne rannten, in ihre Limousine sprangen und diesen weltlichen Sphären entschwebten.

Ein besonderes Schmankerl (das wollte ich schon immer mal schreiben ohne Angst, gefeuert zu werden) war der Outro-Kurzfilm, der inhaltlich an den hierzulande eher unbekannten Streifen I Love You, Man anknüpft, in dem Rush ein Cameo haben. Paul Rudd und Jason Segel spielen darin Fans, die es geschafft haben, nach einem Rush-Gig backstage zu kommen.

Rush I Love You Man Segel Rudd

Eine Hommage an Rush

Braucht das hier ein Fazit? Die Show hat alle Sinne angesprochen (und ja, auch den Geruchssinn; irgendwie war die Luft in der Halle ziemlich schlecht), war musikalisch herausragend, in den Filmen detailverliebt und amüsant, hat zweieinhalb Stunden gedauert, es gab zwei Ausblicke auf das kommende Album. Und es waren Rush, die gespielt haben, gottverdammt! Ich weiß nicht, ob ich so die letzte Chance wahrgenommen habe, diese Band noch einmal live zu sehen, aber falls die alten Männer noch einmal nach Deutschland kommen, bin ich wieder am Start.

Hier findet man übrigens die volle Setlist, die bei jedem Auftritt der Tour die gleiche ist.

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4 Antworten to “Rush: Time Machine Tour in Frankfurt, 29.5.2011”

  1. Max Says:

    Toller Bericht! :) Vielleicht solltest Du den Titel des ersten Songs aber noch in“TheSpirit Of Radio“ ändern…;)

  2. Texas Says:

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