The Horrible Crowes – Elsie (2011)

by

Brian Fallon von The Gaslight Anthem und sein Gitarren-Roadie Ian Perkins haben in den USA gestern ihr gemeinsames Album Elsie unter dem Namen Horrible Crowes veröffentlicht.  In Europa erscheint es erst nächste Woche – aber euer höchstpersönlicher Korrespondent kann euch schon die frische Rezension liefern.

Ich habe hohe Erwartungen an die Platte gestellt, eben weil ich Brian Fallons Songwriting und seinen Gesang bei Gaslight Anthem wirklich schätze. Andererseits sind die Horrible Crowes ein explizites Nebenprojekt – eine kleinere Tour wird es wohl geben, mehr aber nicht. Ist die Scheibe also nur ein Auffangbehälter für Songs, die es nicht auf Gaslight Anthem-Alben geschafft haben, oder produziert diese Kombo etwas eigenes?

Im Vergleich zu den Gaslight Anthem-LPs ist die erste Platte der Horrible Crowes weit weniger energetisch und treibend. Vielmehr hat das Duo Wert auf dichte Atmosphäre gelegt. Dazu finden sich auf dem Album auch durchaus mal Instrumente, die bei der Hauptband Brian Fallons überaus fehl am Platze wären.

„Last Rites“ startet außerordentlich bedächtig, nur mit Gesang, untermalt von Percussion und einzelnen Klavierakkorden. Fast könnte man es als Intro betrachten – mit anderthalb Minuten ist der Song wohl kaum mehr als das. „Sugar“ startet dann allerdings recht ähnlich, es ist fast ein fließender Übergang. Zurückhaltende Gitarrenmelodien akzentuieren Fallons Gesang, der, verglichen mit den Tagen von Sink and Swim, einen überdeutlichen Sprung gemacht hat. Drums gibt es kaum.

Bei „Behold the Hurricane“ ist zum ersten Mal deutlich der Einfluss der Post-American Slang-Gaslight Anthem zu spüren. Immer noch im moderaten Tempo und immer noch nachdenklicher als der Anfang des Albums, aber dennoch eine Spur dynamischer – nicht zuletzt dank elektrischer Gitarren und (akustischer) Drums. „I Witnessed a Crime“ erinnert sofort und unglücklicherweise an unsäglichen Whiteboy-Reggae à la 10CC. Etwas gemildert wird dieser Eindruck vom sanften, fast geflüsterten Gesang Fallon, der eine
kleine, tragische Liebesgeschichte unaufgeregt erzählt.

Für „Go Tell Everybody“ packt Fallon aber wieder seine punkgeübte Stimme aus, was den Song sofort wieder in Richtung Gaslight Anthem rückt. Das heißt aber nicht, dass das hier eine Art Ghost of Tom Joad, eben ohne seine Version der E Street Band, ist. Die Horrible Crowes grenzen sich wenn schon nicht so sehr lyrisch, dann doch akustisch von Gaslight Anthem ab – in „Go Tell Everybody“ exemplarisch durch die Bläser und Streicher am Ende.

„Cherry Blossoms“ ist instrumental äußerst bescheiden. Der Song beschwört Tom Waits herauf, der den dunklen Blues singt. An ihm orientiert sich Fallon auch recht offensichtlich gesanglich  in der zweiten Hälfte. Und siehe da, es gelingt! Es will einfach nich kitschig werden.

Blood on my teeth
From just what they did here
Snow tumbling down on the ground
And me stumbling out of my heart
Finding cherry blossoms on the hood of my car

„Ladykiller“ erweckt ungute Assoziationen an billigen Radio-Rock-Pop. Das Songwriting reißt das Ganze aber doch aus der Mittelmäßigkeit heraus, und einige radiountaugliche Bridges tun ihr Übriges. „Crush“ bietet wieder eine Plattform für Fallons hier wieder springsteeneske Stimme und die erstaunlich hohe Qualität seiner Texte. „Mary Ann“ reißt den Hörer aus seiner Zone mit ungewöhnlichem Rhythmus und, wiederum, Fallons Stimme, die hier sehr vintage verzerrt wurde; ebenso die Gitarre, die zur Abwechslung viel zum Song beiträgt, anstatt nur im Hintergrund zu unterstützen.

„Black Betty and the Moon“ hat einen Chorus, der fast an einen Kinderreim erinnert. „Blood Loss“ weiß die angezerrte Gitarre sehr effektiv in einen akustischen Song einzubringen. Einfache Akkorde als Akzente – es sind diese kleinen Details, die die Platte interessant machen.

And moonlight I found would bow
To her slender hand stretched out
Fingers inside your heart and your mind
You’ll never get out of this

„I Believe Jesus Brought Us Together“ schließt den Kreis, der mit den ersten beiden Songs begonnen hat. Ein sehr bedächtiger Song als letzter Track der Platte, der kaum Instrumente braucht, um die Vocals zu unterstützen.

Elsie muss natürlich mit den Alben von Gaslight Anthem verglichen werden. Brian Fallons Einfluss ist nunmal in beiden Kombos zu groß, um übergangen zu werden. Der Vergleich fällt aber nicht schwer: Wo Gaslight Anthem oft auf hoffnungsvolle, dynamische Songs ganz im Sinne von Born to Run setzt, sind die Horrible Crowes weitaus düsterer. Fast immer geht es um Beziehungen, fast
immer um gescheiterte.

Musikalisch ist die Platte aber abwechslungsreicher, als man es annehmen könnte. Das trifft auch auf Brian Fallons Stimme zu, die ihre ganze Bandbreite zeigen kann. Dass er ein guter Sänger ist, kann man nicht mehr anzweifeln, aber was wirklich hervorsticht, ist die Leidenschaft in seinen Vocals. Man hört zwar, dass er nie klassisch ausgebildet wurde, aber das Herzblut und Übung produzieren hier eine ehrlichere Kombination als die glattpolierten 0/8-15 Stimmen vieler Popsänger. Musikalisch erfindet das Duo das Rad nicht komplett neu, lyrisch spielt das Ganze aber auf hohem Niveau. Auf gerade 45 Minuten schafft es diese Band, eine Vielzahl an Facetten zu zeigen, die teils weitergehen, als es Gaslight Anthem leisten kann.

Also: Es lohnt sich, dieses Album zu hören.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: