„The Artist“ – Ein Stummfilm wird zum Oscar-Favoriten

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The Artist

Man denkt ja eigentlich, man hätte schon alles erlebt in der Filmwelt. Eine 3D-Welle, die einfach jedes Genre ergreift: Von Dokus über Höhlenmalerei („Die Höhle der vergessenen Träume 3D“ von Werner Herzog) bis zu Kindheitsklassikern („Der König der Löwen“) gibt es gerade alles in 3D zu sehen), Filme über Brettspiele (Schiffe versenken) und Horrorthriller über einen Autoreifen als Serienkiller („Rubber“ von Quentin Dupieux) – was soll einen da noch überraschen?

Zum Beispiel die Tatsache, dass neben all den riesigen Blockbustern und feinsinnigen Charakterdramen dieses Jahr tatsächlich ein schwarzweißer Stummfilm aus Frankreich der heißeste Oscarfavorit ist.

Im Moment scheint einfach jeder, der über Kino redet, auch über „The Artist“ zu reden. Nach Auszeichnungen in Cannes, bei den Golden Globes und allen anderen wichtigen Verleihungen dieser Award-Season, konnte der ungewöhnliche Film nun tatsächlich auch zehn Nominierungen für die Oscars einfahren und gilt damit als der heißeste Kandidat. Gestern ist der Film nun in Deutschland angelaufen, und Klapperstrauß verrät euch natürlich gerne, was es mit der ganzen Sache auf sich hat.

Das große Alleinstellungsmerkmal des Films ist natürlich die Tatsache, dass er ein Stummfilm ist. Das bedeutet nicht einfach, dass wir einen Film ohne Ton haben. Stummfilm ist hier so zu verstehen, wie es schon in den Anfangsjahrzehnten des Kinos zu verstehen war. Stumm ist hier nichts. Es gibt nur keine gesprochene Sprache und keine Töne. Musik ist (fast) immer da und begleitet die Handlung ganz eng und erzählt viel mehr als die Musik im landläufigen Tonfilm. Daneben haben wir auch ganz klassisch Dialoge, allerdings nicht gesprochen, sondern so wie es sich gehört in Texttafeln. Spätestens hier wird deutlich, dass der französische Regisseur Michel Hazanavicius es ernst meint. Selten habe ich im Film eine Grundidee so konsequent umgesetzt gesehen. So mancher normale Kinogänger würde den Film sicher für einen Klassiker aus den 30er-Jahren halten, wenn ihn vorher niemand aufklären würde. Denn der Film ist nicht nur stumm und arbeitet mit klassischer Stummfilmmusik und Texttafeln; er ist außerdem in klassischem Schwarzweiß gehalten, hat den Look eines Films aus den 30ern (grieselig und nicht immer perfekt scharf) und ist nicht schön im Breitbild-, sondern in einem fast quadratischen Format gedreht. Daneben spielen die Schauspieler der Epoche angepasst immer etwas over the top, und typische Stilmittel der Zeit wie Mehrfachbelichtungen werden perfekt eingesetzt. Dass dann auch noch der Vor- und Abspann dementsprechend angepasst ist, ist da nur der letzte Feinschliff an der perfekten Inszenierung.

Doch diese Konsequenz in der Umsetzung hat natürlich auch seinen Grund. Hazanavicius erzählt nicht irgendeine Geschichte, sondern eine Geschichte aus der Endzeit des Stummfilms. Es geht um den gefeierten Stummfilmschauspieler George Valentine, der im Hollywood der ausgehenden 20er-Jahre ein gefeierter Star ist. Nicht nur die Frauen liegen ihm zu Füßen, und das genießt Valentine. Seine Ego wächst in den Himmel, ohne dass der smarte Darsteller dabei seinen Charme verliert. Doch es kommt, wie es kommen muss. Sein Ego bringt ihn zum Fall. Als sein Filmstudio beschließt, nur noch Tonfilme zu produzieren, gerät er plötzlich sehr schnell in die Bedeutungslosigkeit. Zu stolz, sich der Entwicklung der Zeit anzupassen, produziert er stur und auf eigene Kosten noch einen neuen Stummfilm und scheitert damit kläglich. Finanziell und sozial am Ende scheint es für ihn keinen Ausweg zu geben. Zum Glück gibt es da noch die herzensgute junge Schauspielkollegin Peppy Miller. Als ehemalige glühende Verehrerin Valentines ist sie inzwischen selbst zum gefeierten Tonfilmstar aufgestiegen (nicht ohne die Hilfe Valentines)  und hat ihren ehemaligen Schwarm glücklicherweise nicht vergessen.

Die Geschichte ist bewusst als klassisches Melodram der Stumfilm-Ära angelegt, ohne dabei den Humor außen vor zu lassen. Natürlich erinnert die Geschichte sehr stark an „Singing In The Rain“ (1952), doch das sehe ich eher als Hommage denn als Abklatsch. Zumal mich der grandiose (und jetzt schon mehrfach für die Rolle ausgezeichnete) Hauptdarsteller Jean Dujardin immer wieder an Gene Kelly erinnert.

Wie oben sicherlich schon durchscheint, bin ich wirklich sehr angetan von dem Film. Die Idee, einen klassischen Stummfilm der damaligen Zeit zu inszenieren, wird perfekt umgesetzt. Trotzdem wirkt der Film nicht überflüssig oder gekünstelt. An einigen wenigen, aber dafür eindringlichen Stellen, passieren dann auch Dinge, die in den 30er-Jahren so nicht in einem Film vorgekommen wären (mehr will ich nicht verraten). „The Artist“ ist wirklich eine Perle für Filmfreude. Kenner der Klassiker werden ihre wahre Freude haben.

Doch wie sieht es mit dem normalen Kinopublikum aus? Kann ich den Film auch den Lesern empfehlen, die noch nie einen Klassiker aus der Zeit gesehen und Angst haben sich bei einem Stummfilm zu Tode zu langweilen?

The Artist JOhn Goodman

Ja, und zwar uneingeschränkt. Der Film hat seine Stärken nicht nur in der perfekten klassischen Inszenierung, sondern auch in seinem Humor (der wunderbar nur mit Musik und Texttafeln funktioniert), seiner Geschichte und nicht zu letzt in den Schauspielern. Zu Recht gilt Dujardin als heißer Anwärter für den Oscar als bester Hauptdarsteller und seine Filmpartnerin Bérénice Bejo ist einfach zum Verlieben. Ich hoffe in Zukunft noch mehr von der tollen Französin zu sehen. Und auch die Nebenrollen sind großartig besetzt. John Goodman hat als cholerischer Filmproduzent einige Lacher auf seiner Seite.

Wer also mal was erfrischend ungewohntes im Kino sehen möchte, dem kann ich „The Artist“ nur ans Herz legen. Und nebenbei lernt man dann sogar etwas über die Ursprünge des Kinos. Die Oscars können kommen.

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